Mittelmaß oder Weltspitze : Welchen Spitzensport wollen wir denn?

Die Sportförderung in Deutschland steht auf dem Prüfstand. Befeuert wird die Debatte durch Hamburgs Bewerbung um Olympische Spiele 2024. Eine Analyse.

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Siegerpose. Bei den nächsten Olympischen Spielen soll es mehr Athleten so gehen wie Diskuswerfer Robert Harting. Er gewann in London Gold.
Siegerpose. Bei den nächsten Olympischen Spielen soll es mehr Athleten so gehen wie Diskuswerfer Robert Harting. Er gewann in...Foto: Reuters

Das wären einmal ganz andere Olympische Spiele: Hamburg, empfängt 2024 oder 2028 die Athleten aus aller Welt – und überlässt als guter Gastgeber fast alle Goldmedaillen den anderen. 2012 in London sackten die Deutschen im Medaillenspiegel auf Platz sechs ab, mit elfmal Gold. Die Briten gewannen mit 29 fast dreimal so viel. 1996 hatten deutsche Athleten noch 20 Goldmedaillen aus Atlanta mit nach Hause gebracht – die britischen eine. Dabei wird der deutsche Spitzensport mit etwa 140 Millionen Euro im Jahr vom Staat gefördert. „Wenn wir ehrlich sind, wissen wir, dass der deutsche Spitzensport am Scheideweg steht“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) im Dezember in Dresden, „entweder, wir gehen Schritt für Schritt Richtung Mittelmaß. Oder wir gehen zurück an die Weltspitze, wo wir hingehören.“

Bis nach den Sommerspielen 2016 soll daher ein neues Förderkonzept entwickelt werden. Acht Arbeitsgruppen treffen sich dazu regelmäßig, der Bundesinnenminister hat mit DOSB-Präsident Alfons Hörmann ein Beratungsgremium eingerichtet. Und alles, um den deutschen Spitzensport wieder flott zu machen. Am besten für Olympische Spiele 2024 oder 2028 im eigenen Land.

Wer soll gefördert werden?

Deutschland ist anders. Das klingt in jedem Gespräch, in jedem Vortrag zum Spitzensport durch. Das Sportsystem eines erfolgreichen Landes könne nicht einfach so kopiert werden. Das der Chinesen nicht, weil wir sonst den Staatssport einführen würden. Das der USA nicht, weil der deutsche Uni-Sport auf einmal ein professioneller College-Sport werden müsste. Und das der Briten auch nicht, denn sonst würden die Mittel auf wenige Sportarten konzentriert und manche Sportarten aus der Förderung fliegen. Doch der Erfolg der anderen, gerade der Briten, hat den deutschen Sport nachdenklich gemacht. Und eines wird er daraus lernen: Eine Sportkarriere muss künftig früher beginnen.

Der Nachwuchsleistungssport komme bislang zu kurz, sagt Dirk Schimmelpfennig, der im neuen DOSB-Vorstand für den Leistungssport verantwortlich ist: „Wir brauchen mehr Konsequenz in der Nachwuchsleistungsförderung. Auch weil Kinder und Jugendliche heute in der Gesellschaft motorisch nicht mehr so beansprucht werden wie früher.“ Aus seiner Sportart, dem Tischtennis, weiß Schimmelpfennig: Wer in der Altersklasse U 14 nicht schon zur europäischen Spitze gehört, wird später den Durchbruch nicht mehr schaffen. So läuft es vielen Sportarten. Der britische Wasserspringer Thomas Daley etwa wurde 2009 mit 15 Jahren Weltmeister.

Wer in die Weltspitze will, darf seine Jugend nicht vergeuden. Das ist die harte Konsequenz daraus. Er muss sich früher entscheiden, auch weil es künftig mehr Konzentration geben könnte, also nur noch ein nationales Leistungszentrum für eine Sportart. Die Schule soll dennoch nicht zu kurz kommen. Die duale Karriere, die Verknüpfung von Schule, Ausbildung, Studium mit der sportlichen Karriere, gilt im deutschen Sport als Ideal. Niemand will sportliche Fachidioten fördern. Für den Nachwuchsleistungssport bedeutet das: Die Schule soll flexibler werden, mehr Rücksicht auf Training und Wettkämpfe nehmen. Etwa mit einem gestreckten Abitur, gezielter Nachhilfe, E-Learning. Die Zeit läuft. Acht Jahre bis zum Podium, haben die Briten als Maxime aufgestellt. Acht Jahre von der Sichtung und Förderung bis zur Medaille. Acht Jahre wären auch die Zeit zwischen Olympia 2016 in Rio und möglichen Spielen in Deutschland 2024.

Was soll gefördert werden?

Eigentlich sind die Holländer besser. Obwohl sie nicht einmal Berge haben. Aber bei den Winterspielen in Sotschi gewannen sie trotzdem fünf Medaillen mehr als die Deutschen. Doch kann man das besser nennen? Mit Ausnahme einer Medaille im Shorttrack haben die Holländer nur in einer einzigen Sportart ihre Erfolge gefeiert, im Eisschnelllaufen. Die Frage führt zum Wesenskern des deutschen Sports. Wie soll er sein? Zuerst erfolgreich? Oder zuerst vielfältig?

Im Grunde ist die Frage schon beantwortet. Zu einer pluralistischen Gesellschaft passt nur ein vielfältiger Sport. Und weil auch noch das Bild von der Pyramide gilt, nach dem der Breitensport den Spitzensport trägt, wird sich die Förderung weiterhin auf viele Sportarten erstrecken. „Ich würde mir als Bundesbürger 2024 bei möglichen Spielen im eigenen Land wünschen, mit vielen ambitionierten deutschen Athleten in so vielen Disziplinen wie möglich mitfiebern zu können“, sagt Schimmelpfennig.

Nur hat gerade sein ehemaliger Verband, der Deutsche Tischtennis-Bund, nach den Spielen in London ein Fass aufgemacht: Die Förderung muss sich auch an gesellschaftlicher Relevanz orientieren, zum Beispiel an der Zahl der Mitglieder und einem Wert wie etwa der motorischen Ausbildung im Kinderturnen. Die großen olympischen Sportarten Leichtathletik, Schwimmen und Turnen müssten daher besonders gefördert werden, auch wenn sie mal weniger Medaillen gewinnen. Im DOSB spricht man nun nicht von gesellschaftlicher Relevanz, sondern etwas schwammig von Popularität. Aber damit ist die Diskussion noch nicht beendet. Verdient eine Sportart wie Bobfahren nach wie vor eine Millionenförderung, nur weil sie Medaillen gewinnt, aber auf keiner breitensportlichen Basis steht? Solche Fragen sind noch nicht beantwortet. Ein Szenario wäre angesichts von begrenzten Mitteln auch, dass sich eine Sportart entscheiden muss, was sie fördert. Wenn der Deutsche Leichtathletik-Verband weiter seine Läufer fördern will, könnte er vielleicht beim Hammerwerfen oder Gehen kürzen.

Wie soll gefördert werden?

Achtung, es wird verwirrend. In Deutschland reden beim Spitzensport mit: das Bundesinnenministerium als Geldgeber, der Deutsche Olympische Sportbund als Dachverband, die nationalen Spitzenverbände als Fachorgane für ihre Sportart, die Länderministerien, Landessportbünde und Landesfachverbände, vor allem in der Nachwuchsförderung, die Olympiastützpunkte und Bundesstützpunkte als Trainingszentren, die Sportwissenschaft wie das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft oder andere Hochschulen wie die Deutsche Sporthochschule Köln. Wie soll das funktionieren?

Es gibt jede Menge Kompetenzgerangel. Und manche widersprüchliche Entscheidung. Jeder will es besser wissen, aber künftig könnten die mehr Einfluss bekommen, die ihre Sportart doch am besten kennen: die Spitzenverbände. Sie könnten im neuen Förderkonzept eine Art Richtlinienkompetenz erhalten, die sich bis hinunter in den Nachwuchs ausdehnt. Mehr Kompetenz heißt aber auch mehr Verantwortung. Die Spitzenverbände werden jetzt schon in die Pflicht genommen, denn es gibt einige professionelle und andere intransparente. Manche könnten noch nicht mal sagen, wie viele Kaderathleten sie hätten, und würden ihre Bundesstützpunkte einfach dahin legen, wo der Bundestrainer wohnt, wird im Bundesinnenministerium geschimpft.

Der deutsche Spitzensport dürfte bald jünger werden, straffer und effizienter.

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