Sport : Moderator der guten Laune

Interimstrainer Thom widersteht der Versuchung, Herthas 1:1 in Dortmund als echten Aufschwung zu deuten

Stefan Hermanns

Berlin. Der Gesichtsausdruck von Dieter Hoeneß verriet am deutlichsten, dass sich bei Hertha BSC etwas verändert hat. In den vergangenen Wochen hatten die Bilder von Hoeneß nicht besonders vorteilhaft ausgesehen: die Haut blass, der Blick verkniffen, die Augenhöhlen dunkel. Die Krise bei Hertha BSC, die in sämtlichen Zeitungen abgebildet worden war, hatte sich eine fahle Dieter-Hoeneß-Maske aufgesetzt. Am Samstag aber, nach dem 1:1 des Berliner Fußball-Bundesligisten bei Borussia Dortmund, lächelte Hoeneß ganz selig. „Es gibt keinen Grund für Euphorie“, sagte Herthas Manager, aber in Wirklichkeit war er so gut gelaunt, dass er sogar den tätlichen Angriff von ZDF-Ranschmeißer Rolf Töpperwien mit einem Lachen über sich ergehen ließ.

Die Diskrepanz zwischen Worten und Gesten belegt die ganze Zerrissenheit bei Hertha BSC. Am liebsten würden wohl alle Beteiligten nach dem Ende der grauen Stevens-Zeit ihre Freude über den unerwarteten Erfolg herausbrüllen; doch nach den periodisch auftretenden Rückschlägen sind sie vorsichtig geworden. Reicht schon ein Unentschieden in Dortmund, um wirklich einen tragfähigen Aufschwung auszurufen? „Es ist zu früh, nach einem Spiel gleich zu sagen, dass es jetzt viel, viel besser wird“, sagte Niko Kovac nach seinem vielleicht besten Auftritt für Hertha BSC. „Es war ein guter Anfang.“

Weil die Berliner aber immer noch auf dem vorletzten Tabellenplatz liegen, sagte Andreas Thom, der neue Trainer: „Es hat sich ja nichts verändert.“ Dabei stimmt das gar nicht. Eigentlich ist Hertha nicht mehr wiederzuerkennen im Vergleich zu den letzten Wochen, und das wird vor allem Thom zugeschrieben. Der neue Trainer sei „auf dem besten Weg, die Verkrampfung der Mannschaft zu lösen“, sagte Manager Hoeneß. Und wenn Thom das auch in den beiden nächsten Spielen vor der Winterpause wieder gelingt, hat er seine Aufgabe als Interimstrainer schon erfüllt: Er würde seinem Nachfolger eine Mannschaft überlassen, die nicht mehr von argen Selbstzweifeln geplagt wird.

Die Keime einer erfreulichen Veränderung waren schon in Dortmund zu sehen. Als das 1:0 für den BVB fiel, 20 Minuten vor Schluss, „haben wahrscheinlich alle gedacht: Na ja, jetzt fallen sie auseinander“, sagte Thom. Nur er hat sich nicht beirren lassen: „Dafür ist das Spiel vorher einfach zu gut gewesen.“ Die Fortschritte hatte Thom mit recht einfachen Mitteln erwirkt. Seinen Defensivkräften Marko Rehmer, Arne Friedrich und Pal Dardai feste Gegenspieler zugeteilt hatte, und für verunsicherte Fußballer ist es immer ein großer Vorteil, wenn sie nicht zu viel Kreativität und Eigenverantwortung einbringen müssen, sondern eine klare Aufgabe besitzen, an der sie sich abarbeiten können. „Das Wichtigste war, dass die Grundordnung gestimmt hat“, sagte Thom. Und die allerwichtigste Erkenntnis sei gewesen, „dass die Spieler nach dem Rückstand nicht in ein Loch gefallen sind“.

So soll der Aufschwung bei Hertha, wie in der Wirtschaft, vor allem eine Frage der Psychologie sein. „Die Mannschaft hat gesehen, dass sie in der Lage ist, Fußball zu spielen“, sagte Thom. Wenn es so weitergeht, könnte Herthas Krise am Ende nur ein großes Missverständnis gewesen sein. Im Idealfall nämlich soll der neue Trainer nur noch den Moderator der guten Laune geben. „Er ist ein sehr positiver Typ“ (Niko Kovac), „hat eine super Ausstrahlung wie wenige“ (Pal Dardai), „spricht die Fußballersprache und bringt die Lockerheit rein“ (Dieter Hoeneß). Ein bisschen ist Thom nämlich immer noch Fußballer. „Er ist noch nicht so lange weg, dass er schon alles vergessen hat“, sagt Kovac.

Dass Thom vor seinem Debüt nur eine richtige Trainingseinheit mit der Mannschaft bestritten hat, könnte ein Beleg dafür sein, dass seine Maßnahmen schnell gewirkt haben. Es könnte die Berliner aber auch stutzig machen – weil das Spiel noch gar nichts über Thoms fachliche Qualitäten aussagen kann. „Er konnte nicht so viel ausrichten“, sagte Alexander Madlung. Thom selbst will sich erst jetzt „ganz in Ruhe überlegen, was und wie wir trainieren“. Bisher war dazu gar keine Zeit.

Die Grundannahme bei Hertha lautet immer noch, dass ein ausgezeichnet besetzter Kader aus unerklärlichen Gründen sein wahres Potenzial nicht abgerufen hat. Doch diese optimistische Sichtweise verhindert die notwendige Erkenntnis, dass die Mannschaft unter einigen strukturellen Schwächen leidet. Hertha hat fast die wenigsten Tore erzielt und fast die meisten Gegentore kassiert und damit die schlechteste Tordifferenz aller 18 Bundesligisten. Mit ein bisschen guter Laune ist es nicht getan. „Wir müssen enger zusammenstehen und mutig nach vorne spielen“, sagte Andreas Thom. Zumindest weiß der neue Trainer schon, woran er arbeiten muss.

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