Sport : Modern aus Tradition

Die Olympischen Spiele der Behinderten in Athen wecken großes Interesse

Annette Kögel[Athen]

In Athen wurde bis kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele gebaut, wieder einmal. Diesmal aber mussten keine Straßen asphaltiert oder Stadien saniert werden. Im Olympischen Dorf nördlich des Stadtzentrums wurden Rollstuhlrampen installiert, damit die behinderten Sportler, die an den Paralympics teilnehmen, auch in ihre Appartements kommen. In der griechischen Metropole, die bis vor kurzem über keine einzige öffentliche Behindertentoilette verfügte, führt jetzt sogar ein Aufzug auf die Akropolis. Gut zwei Wochen nach den Olympischen Spielen beginnen in Athen die nächsten Weltspiele – jene von Menschen mit Handicap.

Beim zweitgrößten Sportereignis der Welt treten von heute an knapp zwei Wochen lang mehr als 4000 Athleten aus 145 Ländern an – damit sind 22 Nationen mehr vertreten als in Sydney vor vier Jahren. Auch das öffentliche Interesse nimmt zu. „Es haben sich auch mehr Fernsehteams für Athen angemeldet als in Sydney“, sagt Clint Waddell vom Internationalen Paralympischen Komitee. Eurosport etwa will täglich zur Mittagszeit von den Paralympics berichten, das ZDF zeigt einer erste Sendung am Samstag.

Zur heutigen Eröffnungsfeier im Olympiastadion werden 75 000 Zuschauer erwartet. Die deutsche Fahne wird Heiko Kröger tragen, ein Segler. Er holte schon in Sydney Gold und wurde zudem Weltmeister der Nichtbehinderten in der 2,4-Einmann-Kielbootklasse. 210 Sportler aus der Bundesrepublik treten in Athen an, 35 davon stammen aus Berlin und Brandenburg.

Natürlich gibt es bei diesen Paralympics auch neue Disziplinen. Zum Beispiel Fußball für Blinde mit vier Spielern, einem Torwart und je einem Begleiter pro Sportler. Es gibt jetzt auch Boccia, Rollstuhl-Rugby, Sitzvolleyball und Judo für Frauen.

Die Erfolgsgeschichte der Paralympics begann mit Sir Ludwig Guttmann. Der aus Breslau stammende Arzt arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg im Militärhospital Stoke Mandeville in Großbritannien. Am 20. Juli 1948 – dem Tag der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele – lud er 16 Kriegsversehrte zu einem Wettkampf. Die Veranstaltung war der Start der paralympischen Bewegung, sagt Gudrun Doll-Tepper, Professorin für Sportwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Vier Jahre nach den ersten Wettkämpfen kamen auch Männer im Rollstuhl aus den Niederlanden nach Mandeville. 1960 gab es offiziell die ersten Paralympics in Rom. In Seoul 1988 setzte sich der Name Paralympics endgültig durch, nachdem es zuvor Diskussionen um den Titel gegeben hatte. Viele Sportler fühlten sich wegen der Vorsilbe „para“ ausgeschlossen – Paraplegie ist der Fachbegriff für Querschnittlähmung. Nach Angaben des Internationalen Paralympischen Komitees steht „para“ für die griechische Vorsilbe, die „nebeneinander" bedeutet – die Paralympics gleichberechtigt mit Olympia.

Es gibt in der Tat viele Parallelen zu den Olympischen Spielen der Nichtbehinderten. Mit zunehmender Professionalisierung steigt auch die Zahl derer, die schummeln: Der Rollstuhlfahrer Earle Connor, der in Sydney über 100 und 200 Meter gewonnen hat, soll im August bei einer Trainingskontrolle positiv getestet worden sein. Er wird nicht nach Athen reisen. Doch nicht nur Doping spielt eine Rolle. In Sydney musste das spanische Basketballteam seine Goldmedaille zurückgeben: Zehn der zwölf Spieler waren nicht, wie vorgetäuscht, geistig behindert, sondern völlig gesund.

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