Sport : Momente der Balance

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Stefan Hermanns über die bleibenden Leistungen von Huub Stevens in Berlin

Huub Stevens hat eine schwere Woche hinter sich. Die Niederlage gegen Leverkusen. Die drohende Entlassung. Das Ultimatum. Die vielen Fragen. Aber was ist schon eine Woche? Man könnte auch sagen: Stevens hat 16 schwere Monate in Berlin hinter sich, Monate, in denen er sich manchmal selbst verleugnen musste, um er selbst zu bleiben. Hertha wollte aus dem geborenen Arbeiter einen Weltmann machen, steckte ihn in graue Anzüge; die Berliner aber haben sich von dieser Verkleidung nicht täuschen lassen.

Stevens hat die Trainingsklamotten mit mehr Würde getragen als die feinen Stoffe. Er ist in kurzer Hose und mit Badelatschen zu Pressekonferenzen erschienen und hat damit einen Modestil geprägt, den Hertha längst hinter sich wähnte. Stevens hat den Verein, der glänzender sein will, als er ist, zu sich selbst zurückgeführt. Dass der Bergarbeitersohn aus der niederländischen Provinz Limburg der Hertha aus dem Wedding die BerlinMitte-Träume ausgetrieben hat, ist eines seiner bleibenden Verdienste.

Stevens hat auch die fußballtaktische Ausbildung des Publikums weiter vorangetrieben. Wer sein Wirken in den vergangenen 16 Monaten aufmerksam begleitet hat, weiß nicht mehr nur, wie eine Viererkette funktioniert; er kann jetzt auch mit Ausdrücken wie Balance und Organisation etwas anfangen und weiß selbst die Bedeutung von Momenten für den Verlauf eines Spiels richtig einzuschätzen. Einigermaßen jedenfalls. Von da heraus – noch so ein Lieblingswort von Huub Stevens – von da heraus könnte Hertha heute einen echten Fußballfachmann verlieren.

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