Montenegro : Rote Haie in Peking

Montenegros Wasserballer sind der Stolz des jungen Landes – und Medaillenkandidaten bei Olympia. Im Juli hatten sie die Europameisterschaft gewonnen, ausgerechnet mit einem Finalsieg gegen Serbien. Damals wurden die Spieler drei Tage lang gefeiert, nach den Spielen in Peking soll das noch überboten werden.

Johannes Scharnbeck

Selbst die Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit konnten da nicht mithalten. Nachdem Montenegros Wasserballer Mitte Juli bei ihrer ersten EM-Teilnahme sensationell den Titel gewonnen hatten, jubelten mehr als 10 000 Menschen in der Hauptstadt Podgorica ihren heimkehrenden Helden zu. Das Feuerwerk fiel noch pompöser aus als nach der friedlichen Abspaltung von Serbien vor zwei Jahren – die Party dauerte ganze drei Tage.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn wir auch in Peking Gold holen sollten“, sagt Nationaltrainer Petar Porobic. Die roten Haie, wie die montenegrinischen Wasserballer genannt werden, bescherten dem jungen Land den ersten prestigeträchtigen Titelgewinn seiner Geschichte – ausgerechnet durch einen Finalsieg gegen den großen Bruder Serbien. „Der Erfolg wird unserem Volk mehr Selbstvertrauen verschaffen“, verkündet Porobic. Nun ist sein Team aber vor allem der Hoffnungsträger für Peking und die einzige reelle Medaillenchance des Landes.

Neben den 13 Wasserballern gehören zum 19-köpfigen Kader ein Schwergewichtsboxer, eine Schwimmerin, ein Sportschütze, ein Judoka und zwei Leichtathleten. „Da von den 205 Teilnehmerländern aber 101 sogar mit weniger als zehn Sportlern antreten, können wir mit unserem Aufgebot mehr als zufrieden sein“, sagt der Präsident des Montenegrinischen Olympischen Komitees (MOC), Dusan Simonovic. Der kleine Adriastaat – auf einer Fläche so groß wie Schleswig-Holstein leben 630 000 Menschen – wurde erst im Juli des vergangenen Jahres in das Internationale Olympische Komitee aufgenommen. Vor allem im Sport sehen die Montenegriner nun ihre Chance, aus dem Schatten Serbiens zu treten. „Die Bedeutung unseres Landes im Sport war nie so gering wie seine Fläche oder seine Einwohnerzahl“, sagt Simonovic.

Für Nationaltrainer Porobic war der EM-Sieg dann auch „der wichtigste Erfolg“ seiner Karriere. Dabei hatte der 51-Jährige mit Jugoslawien bei Olympia in Sydney 2000 Bronze gewonnen und Serbien und Montenegro 2005 zum WM-Titel geführt. Doch als die Montenegriner im Mai 2006 bei einem Referendum für die Unabhängigkeit stimmten, kündigte Porobic sofort seinen Vertrag, unterstützte den deutschen Bundestrainer Hagen Stamm noch als Assistent bei der EM 2006 und übernahm dann den Chefposten in seiner Heimat.

Viele Spieler hat er nicht zur Auswahl: Etwa 150 Montenegriner sind aktive Wasserballer, die erste Liga umfasst nur sechs Vereine. Die besten Spieler stehen in Italien, Frankreich, Griechenland und Russland unter Vertrag. „Wir arbeiten aber schon im Jugendbereich äußerst professionell“, sagt Porobic. „Wasserball ist fester Bestandteil im Sportunterricht.“ In Peking gehört Montenegro neben Ungarn, Kroatien und Serbien zum Favoritenkreis. Der Trainer dämpft aber die Erwartungen: „Es wird sehr schwierig, denn alle werden auf uns schauen.“ Aber genau das wollten die roten Haie ja erreichen.

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