Sport : Monumentale Effekte

Wunderpferd Totilas begeistert beim Chio in Aachen erneut die Wertungsrichter – aber nicht alle Reiter

Jeannette Krauth[Aachen]
Ein Königreich für ein Pferd. Totilas lässt beim Chio in Aachen alles andere in den Hintergrund treten – sogar den eigenen Reiter Matthias Alexander Rath.
Ein Königreich für ein Pferd. Totilas lässt beim Chio in Aachen alles andere in den Hintergrund treten – sogar den eigenen Reiter...Foto: Reuters

Der Jüngling gibt dem Herrn mit Kappe einen klatschenden Handschlag, nickt anerkennend und sagt: „Das war klasse!“. Der mit Kappe, das ist Steffen Peters, schmaler Typ, braungebrannt, fast unbekannt. Er ist an diesem Samstag in Aachen der heimliche Star des Chio, des wichtigsten Reitturniers der Welt, und er pirscht sich nun an den gerade 26-jährigen Sieger der Grand-Prix-Kür heran – an den Star, der alles ist, nur nicht heimlich. Der hieß wieder Matthias Alexander Rath mit Totilas. Oder besser: Totilas mit Matthias Alexander Rath. Die beiden gewannen mit 82,825 Prozent ihre dritte Prüfung in Folge auf dem Chio Aachen.

Totilas könnte aus dem Viereck springen, und würde dennoch gewinnen – solche Stimmen konnte man auch hören, aber nur leise, denn über ganz Aachen schwebt die Totilas-Welle. Fairerweise muss man sagen: Es war ordentlich, was Rath zeigte. Doch schwächer als am Tag zuvor, Anlehnung und Konstanz waren schlechter, er hatte Fehler in den fliegenden Galoppwechseln. Ob er wirklich besser war als die Nächstplatzierten?

Auch Adeline Cornellissen, Drittplatzierte und Nummer Eins der Weltrangliste in der Dressur, erlaubte sich Patzer, glänzte aber mit Galopppirouetten und Piaffen. Insgesamt ging ihr Parzival durchlässiger als Totilas. Mit 81,775 Prozentpunkten wurde sie dafür reichlich mager von den Richtern bedacht. Fühlte sie sich gerecht beurteilt? „Ich hatte zwar Fehler, aber ich hätte schon mit mehr Punkten gerechnet“, sagt sie. „Das war ja an den anderen Tagen ähnlich, so langsam gewöhne ich mich an die Richter hier.“

Regen, Sonne, kühles Herbstklima im Wechsel mit sonnigem Kleidchenwetter, all das gab es an einem Tag in Aachen. Ähnlich unbeständig wie das Wetter verhielten sich die Richter. Allerdings gab es manches Mal Kontra vom Publikum. 5000 Zuschauer saßen im ausverkauften Dressurstadion. Es hallte Pfiffe, nachdem die Richter Isabell Werths Ritt beurteilten: 78,725 Prozent, Rang sechs. Werth zeigte eine anspruchsvolle Kür mit ihrem jungen Pferd. Sie wechselte schnell und häufig zwischen versammelnden Lektionen und vorwärts gerittenen Strecken. Besonders schön: Ein starker Trab wie aus dem Lehrbuch mit ordentlich schiebender Hinterhand. Werth hatte wieder Schwächen in der Piaffe, wie an allen Tagen des Chio in Aachen. Einmal blieb Werths Pferd, Spitzname „Ernie“, sogar kurz stehen, starrte auf die Reklamebanden.

Die Stimmung in Aachen ist nicht einfach für Dressurpferde. Mit-Favoritin Laura Bechtolsheimer machten die Nerven ihres Pferdes wieder einen Strich durch die Rechnung. Mistral Hojris lugte hoch zum Publikum, war sichtlich angespannt. Ihr gelang es zwar, wieder zum Reiten zu kommen, sie zeigte gute Piaff-Passage-Strecken, doch schließlich reichte es nur für den vierten Platz.

Auf Position zwei landete Steffen Peters mit seinem Pferd Ravel. Peters, der für die USA startet, zeigte einen sehr ausgeglichenen, konstant guten Ritt. „Ich hörte die Wertung, den Applaus des Publikums – das war das Sahnehäubchen!“ Steffen Peters siegte vor zwei Jahren in der gleichen Prüfung in Aachen. Dieses Jahr ritt er zur Musik von James Camerons Film „Avatar“. „Die Kürmusik ist ganz neu“, sagte er, „ich habe sie erst Anfang der Woche in Aachen bekommen, sie zwei Mal durchgeritten und dann haben wir sie heute morgen noch mal im Stadion gehört.“ Der Mann strahlt, und erzählt: „Acht Mal habe ich den Film gesehen, bis es in meinen Dickkopf reinging: Dazu muss ich reiten!“ Der Deutsche lebt in San Diego, Kalifornien und absolvierte vor 25 Jahren eine Bereiterlehre bei Jo Hinnemann, der einer der wenigen Dressurtrainer ist, die den Titel „Reitmeister“ tragen dürfen. Dann trainierte er bei Klaus Balkenhol, inzwischen sieht er seine deutschen Lehrmeister nur noch ein- oder zweimal im Jahr.

Eine monumental klingende Musik, wie sie gut in einem Historienfilm klingen würde, hat Paul van Dyk für Totilas und Mathias Rath komponiert. Das passt sichtlich gut zu all den Erwartungen und Effekten, die das Paar im Land auslöst. Matthias Alexander Rath hatte für Aachen übrigens noch seine Rittkomposition verändert. Bei seiner letzten öffentlichen Kür in Balve hatte Rath Kritik geerntet, weil er die ehemalige Totilas-Kür von Edward Gal spiegelverkehrt ritt.

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