Sport : Moralische Hauptstadt

Gegen den alten Rivalen Rom holt der AC Mailand den Titel

Vincenzo Delle Donne

Mailand. In der 48. Minute war die unüberbrückbare Rivalität zwischen der Kapitale Rom und der moralischen Hauptstadt Mailand wieder da: Auf dem Spielfeld des ausverkauften Meazza-Stadions rangelten die Spieler wüst, auf den Rängen randalierten die Roma-Tifosi und bewarfen die Spieler mit allerlei Gegenständen. Die Römer, die noch eine winzige Meisterschaftschance besaßen, fühlten sich betrogen. Schiedsrichter Messina hatte Roma einen Handelfmeter verweigert, der dem Spiel noch eine Wende geben hätte können. Nach dem Mailänder Erfolg (1:0) wurde die Debatte weiter geführt: Wird der AC Mailand von den Schiedsrichtern bevorzugt? Ein Motiv machten die Zeitungskolumnisten schnell aus: dass Mailands Vizepräsident Adriano Galliani gleichzeitig Präsident des mächtigen Ligaausschusses ist. Ein Interessenkonflikt, wie Roms Präsident Franco Sensi meint.

So kam es, dass die 17. Meisterschaft des AC Mailand durch Krawalle und Diskussionen getrübt wurde. Nach dem Spiel, als auf Spielfeld und Stadionrängen die Feier tobte, blieb Klubpräsident Silvio Berlusconi ungewöhnlich still. In der Stunde des Triumphes war kein Kommentar des Überschwangs von ihm zu vernehmen. Auch steckte sich der italienische Ministerpräsident diesmal nicht die Meriten an, wie zuletzt regelmäßig geschehen. Nach dem blamablen Ausscheiden aus der Champions League gegen Deportivo La Coruña hatte er in Sachen Fußball nicht mehr viel von sich hören lassen. Vielleicht lag es an der insgesamt doch zu mageren Ausbeute. Berlusconi hatte sich wohl einen erneuten Champions-League-Sieg versprochen, um sein ramponiertes Image in der Politik mit Fußballerfolgen auszubügeln.

Trainer Carlo Ancelotti wollte von derlei Mutmaßungen wissen. Für ihn war wichtig, dass er endlich einen italienischen Meisterschaftstitel gewonnen hat. „Ich musste vier Jahre auf diesen Augenblick warten“, sagte Ancelotti, „aber es hat sich gelohnt!“ Weder mit dem AC Parma noch mit Juventus Turin war ihm das bislang vergönnt. Ancelotti, der souverän das Starensemble coachte, bewies ein gutes Händchen, als er auf Schewtschenko in der Sturmspitze setzte. Der Ukrainer hatte in den ersten drei Jahren Mühe, sich durchzusetzen. Erst beim Gewinn der Champions League im letzten Jahr durch seinen entscheidenden Elfmeter gab es für ihn eine Art Erweckungserlebnis. In dieser Saison erzielte Schewtschenko bislang 22 Treffer. Er bildete mit dem brasilianischen Jungstar Kaká ein Weltklasseduo.

Überall im Lande feierten Mailands Fans die gesamte Nacht hindurch. Auch der Altkommunist Fausto Bertinotti. In der großen Freude äußerte der Milan-Tifoso gegenüber dem „Corriere della Sera“ einen Wunsch. „Wenn Berlusconi nur den Milan-Präsidenten spielen würde, wäre ich hoch erfreut. Das wäre von Vorteil für die Mannschaft, aber auch für das gesamte Land!“

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