Sport : Morgenstund’ mit Gold im Mund

Japan labt sich am Kampfgeist seines Teams

Jan Keuchel[Tokio]
Grenzenloser Jubel. Japanische Fans feiern beim Public Viewing in einer Vorstadt von Tokio den Sieg ihrer Mannschaft. Foto: AFP
Grenzenloser Jubel. Japanische Fans feiern beim Public Viewing in einer Vorstadt von Tokio den Sieg ihrer Mannschaft. Foto: AFPFoto: AFP

Wie eine lange ersehnte Kühlung hilft dieser Sieg dem verwundeten Land. Der Erfolg der Frauenfußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Deutschland am Sonntag lindert vorübergehend die Schmerzen des von Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe gebeutelten Inselstaats. Und so mischen sich seit dem Morgen des Sieges in Japan Freudentränen in die Trauer über die anhaltende Krise. So wie jene Tränen von Fumio Miyama, Vater der Torschützin und Matchwinnerin Aya Miyama, der – von seinen Freunden umjubelt und in die Luft geworfen – gleich an die Kraft des Kollektiv dachte. „Alle haben alles gegeben. Ich möchte allen Danke sagen. “

Es ist das perfekte Erbauungserlebnis, das lediglich einen Schönheitsfehler hat: die Zeitverschiebung. Während die heimischen Zeitungen am Morgen noch ihre Titelseiten mit dem sich immer mehr ausweitenden Skandal um radioaktives Fleisch aus Fukushima aufmachten, waren auf dem Handy schon die ersten Glückwunsch-Kurzmitteilungen aus Deutschland eingegangen. „Gratulation an die japanischen Supermädels. Wir hier in Deutschland freuen uns mit“, gab es dort zu lesen. Die ganze Welt wird diesen Sieg den Japanerinnen gegönnt haben.

Die elektronischen Medien und das Fernsehen haben da bereits umgeschaltet. Nachdem die WM bis zum Halbfinale medial noch weitgehend ignoriert wurde, macht selbst die Homepage der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ die Frauenmannschaft zur Top-Meldung und spricht von einem „Märchen.“ Der öffentlich-rechtliche Sender NHK bringt die Bilder der jubelnden Frauen mittlerweile als erste Nachricht. In ständiger Wiederholung werden die Höhepunkte des Spiels gezeigt und von Expertenteams analysiert.

Koichi Kuroki, 35, der in der Nachbarschaft wohnt, eher ein Freund des Männerfußballs, ist sogar um drei Uhr morgens aufgestanden, um die Frauen gewinnen zu sehen. Er gibt ein Bier aus, zum Anstoßen auf den Sieg, während die heiße Sommerluft bereits durch die ersten Winde des angekündigten Taifun durcheinander gewirbelt wird. Wie ein Taifun haben auch die Frauen gespielt, die „Nadeshiko“, Prachtnelken, genannt werden nach den Tugenden der anmutigen und aufopfernden Frau. „Sugoi“ - Wahnsinn, sagt Kuroki nur. Wer hätte das gedacht?

Der Jubel im Land wird lauter und lauter werden und nicht abebben, bis die Frauen wieder zurück sind auf der Insel. Wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil der Sieg fast wie nach Drehbuch dramatisch ausfiel und das zeigte, was den Japanern viel wert ist: Kampfgeist und Selbstaufgabe. „Ich kann es kaum glauben, wir haben bis zum Schluss gekämpft“, sagte der Star der Mannschaft, Homare Sawa, die mit dem Titel und zugleich auch der Auszeichnung als beste Spielerin der WM ihre beeindruckende Karriere krönt.

Nach dem Abpfiff gingen in Tokio, recht unjapanisch, die Menschen zum ausgelassenen Feiern auf die Straße, trotz der nachtschlafenden Zeit waren die Kneipen und Restaurants voll mit mitfiebernden Fußballfans. Viele trugen Trikots der Spielerinnen, die vor dem Finale bereits ausverkauft waren. Jetzt sind sie im Wert deutlich gestiegen.

Und so hat der Montag, der zufällig auch ein staatlicher Feiertag in Japan war, den Japanern einen aktuellen Grund zum feiern geliefert. Sie haben ihn ausgekostet – die harten Tage sind noch lange nicht vorbei.

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