Moritz Rinke : Obama? Obasi!

Herthas heutiger Gegner Hoffenheim bringt den neuen amerikanischen Geist in die Bundesliga, meint der Dramatiker und Tagesspiegel-Kolumnist Moritz Rinke.

Rinke
Moritz Rinke. Der Dramatiker ist Stürmer der Schriftsteller-Nationalmannschaft.Foto: Frank Zauritz/laif

Warum muss ich bei Obasi immer an Obama denken? Warum muss ich überhaupt bei Hoffenheim an Obama denken?

Vor zwei Jahren spielten sie in der Regionalliga, heute ziehen sie zum ersten mal ins Berliner Olympiastadion ein – als haushoher Favorit! Ein Dorf mit dreitausend Einwohnern gegen die Hauptstadt.

Das kennt man ja, hieß es anfangs: Ein Milliardär und sein Fußballklub, Chelsea und Abramowitsch, AC Mailand und Berlusconi – wo soll da die Seele bleiben? Wo soll denn da Leidenschaft sein, wenn man sich des Geldes wegen zum Spielen trifft? Die Autowölfe aus Wolfsburg, die Pillendreher aus Leverkusen, sind das Mannschaften, die einen bewegen? Und ging nicht Dortmund mal an die Börse? Und jetzt also noch die Software-Mannschaft aus Sinsheim-Hoffenheim?

Meine Lieblingsgeschichte aus Hoffenheim geht so: Ein Mittelfeldspieler klagt beim Frühstück über einen dicken Zeh. Der Trainer geht mit ihm auf den Bolzplatz, er leiht sich bei der Dorfjugend von Sinsheim, Hoffenheim gehört ja zu Sinsheim, einen Ball. „Da ist zu wenig Luft drauf“, sagt der Trainer. „Habt ihr eine Pumpe?“ Die Kinder schütteln den Kopf. Alle gehen rüber zur Tankstelle und pumpen dort den Ball auf. Dann schauen der Trainer und die Dorfjugend zu, wie der Mittelfeldmann ein paar Schüsse probiert. Rangnick entscheidet sich, ihn gegen Karlsruhe am Nachmittag einzusetzen. 4:1 gewann man.

Ist das Fußballkitsch? Nein, dann wäre Obama auch Politik-Kitsch mit seiner Oma und seinem Vater aus dem Luo-Volk in Kenia. Ist das alles irreführend, wird da eine Fußballmannschaft aus der Retorte herausgekünstelt von einem Kraichgau-Abramowitsch? Nein, dann wäre Obama ein Television-Präsident und ein reiner Marketing-Erfolg.

Natürlich profitiert man auch immer von der Schwäche der anderen (ich werde aber jetzt nicht Bayern München oder Werder Bremen oder Schalke mit den desaströsen Republikanern vergleichen, soweit sind wir noch nicht!), allerdings muss man wirklich sagen: Hoffenheim spielt wie in einem neuen deutschen Traum: Ist es wie Barcelona, wie van Bommel, der Bayern-Kapitän, meinte? Ist es wie Real Madrid oder wie die Premier League?

Vermutlich fängt die Geschichte anders an.

Man hört oft, man müsse die Traditionsvereine erhalten. Man hängt an Schalke-Gasprom, Dortmund, Köln, Kaiserslautern, Nürnberg oder der Eintracht aus Frankfurt, aber schon allein in diesen Vereinen wäre Obama nicht mal Senator geworden. Lauter Krusten, Teppichverkäufer (Nürnberg), Hörgeräte (Hannover) und altes Denken, ein völlig unbrauchbares Modell, um frischen Fußball zu gestalten.

In Hoffenheim gibt es einen Investor, der sich darauf beschränkt, die Spiele zu erleben, ansonsten gibt es einen Trainer und einen Manager und keine Seilschaften, Pfründe und Egos, keine Assauers oder Overaths und keine Suche nach „Namen“, sondern Qualitäten (bei einem angeblich kleineren Etat als bei Eintracht Frankfurt, was hieße, dass Hoffenheim überall möglich wäre).

Jan Schindelmeiser heißt der Manager, den kaum jemand kennt. Rangnick, der Trainer, wollte ihn schon mit nach Gelsenkirchen und Hannover nehmen, aber man wollte „Namen“. Dazu kommt die Nachwuchsförderung durch Bernhard Peters, der aus dem Hockey kommt – und so langsam dürfte bald auffallen, wie sehr Hoffenheims Spiel dem Tempo beim Hockey ähnelt. Dieses Betreuer-Team hat von oben herunter eine klare Vorstellung für den Fußball, der gespielt werden soll, entwickelt. Das Produkt, nennen wir es so, wurde im Geist, in der Vision entworfen. Diese Vision wird bis in die unterste Jugendmannschaft vermittelt.

Und das heißt auch: Keine 20-Millionen-Einkäufe stellt man sich vor, sondern aus Hoffenheim wird es wohl bald eher Nationalspieler geben, mit denen Joachim Löw seine Vorstellungen sogar tatsächlich umsetzen könnte.

Hinzu kommt der Wille, in allen Bereichen hinzuzulernen und immer wieder neues zu integrieren: Trainingswissenschaft, Medizin, Ernährungswissenschaft, das Essen wird angeblich von Biobauern aus der Umgebung geliefert. Man kann sich nach der Szene auf der Tankstelle auch richtig vorstellen, wie der Trainer sogar das Gemüse selbst aussucht. Und im übrigen sind die Hoffenheimer auch genauso fit wie Obama, die gehen auch jeden Tag ins Fitnessstudio.

Was wir heute Abend in Berlin sehen werden, ist in Deutschland ein neuer Fußball: keine Mannschaft, die sich zurückzieht, sondern in der Hälfte des Gegners mit sechs Mann attackiert. Es geht um schnelles Spiel, mit wenig Kontakten. Man trainiert ohne Rück- oder Querpässe, es gibt sogar einen Offensivcoach, um das schnelle Spiel zu entwickeln. Spieler wie Carlos Eduardo, Demba Ba oder Chinedu Obasi stehen dafür. Dazu Pressing, Balleroberung vor der Mittellinie. Stundenlanges Training der Standards.

Schwieriger wird es für Hoffenheim, wenn ein Team sich darauf nicht einlässt, sondern das Mittelfeld räumt und mit Kick and Rush operiert: hohe Bälle nach vorne, zuletzt probierte dies die Frankfurter Eintracht und drosch jeden Ball nach vorne, um so die größte Qualität der Hoffenheimer zu unterlaufen.

Zurück zur Metapher: Obama zieht ins Weiße Haus, Hoffenheim heute ins Olympiastadion. Was ist Spirit, wird in diesen Tagen oft gefragt? Wie entsteht der neue Geist eines Landes oder einer Mannschaft? Kann man so etwas wie Klinsmann einem Bayern-Team einfach so aufoktroyieren oder kommt es von innen?

Man darf sehr gespannt sein, wie der neue Weltmann sein Team zusammenstellen wird und ob er wirklich einen neuen Ton in das althergebrachte System bringen wird.

Der entscheidende Unterschied zwischen Obama und Obasi besteht ja momentan darin, dass Hoffenheim auch nach dem 12. Spieltag ganz oben in der Tabelle mit den meisten Toren stehen wird.

Moritz Rinke ist Dramatiker, Schriftsteller und Stürmer der Autoren-Nationalmannschaft.

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