Morten Olsen im Interview : „Ohne Organisation keine Freiheit“

Um 18 Uhr beginnt das erste Spiel der deutschen Gruppe B zwischen Dänemark und den Niederlanden. Dänemarks Trainer Morten Olsen sprach mit dem Tagesspiegel über Lebensart in seinem Land und die Entwicklung des deutschen Fußballs.

Oliver Trust.
Dänemarks Nationaltrainer Morten Olsen, 62, bestritt als Spieler 102 Länderspiele (4 Tore) für Dänemark und war sowohl als Spieler (1986 - 89) als auch als Trainer (1993 - 95) für den 1. FC Köln aktiv.
Dänemarks Nationaltrainer Morten Olsen, 62, bestritt als Spieler 102 Länderspiele (4 Tore) für Dänemark und war sowohl als Spieler...Foto: dpa

Herr Olsen, Ihr Mittelfeldspieler William Kvist meinte augenzwinkernd, im letzten Gruppenspiel gegen Deutschland ginge es um Platz eins oder zwei.
Er macht gerne Späße.

Ihnen gefällt diese Aussicht nicht?
Wir sind gerne Zünglein an der Waage. Aber wie er das gesagt hat, zeigt die Art wie wir an dieses Turnier und diese Gruppe ran gehen.

Auf die lockere dänische Art als krasser Außenseiter?
Das ist die kluge Mentalität eines Underdogs. Wir sind ein kleines Land mit Fußball-Tradition. 1984 waren wir das erste Mal bei einer EM, nur 2008 nicht und 1992 nur auf Grund politischer Umstände. Das ist eine phantastische Bilanz für ein kleines Land.

Es gibt keinen dänischen Minderwertigkeitskomplex?
Dänemark ist immer ein produktives Land gewesen und hat davon gelebt, was bei den Leuten zwischen den Ohren sitzt. Auch Fußball ist Denksport und nicht nur Laufsport. Kreativität und Intuition ist gleich Freiheit, davon sind wir Dänen überzeugt.

Der Freiheitsgedanke ist Grundlage für sportlichen Erfolg?
Der damalige Nationaltrainer Sepp Piontek warb in den 80er Jahren das erste Mal für Disziplin und Organisation unter den dänischen Individualisten. Wir haben damals eingesehen, ohne Organisation gibt es keine Freiheit, jeder muss Teamplayer sein, egal wie gut er als Individuum ist.

Also spielt Dänemark doch nach einem Schema?
Im Gegenteil. Wir haben weiter das starke Gefühl, frei und kreativ sein zu müssen. Das gehört zum dänischen Wesen. Dänen sind keine Leute, die starr nach dem oder dem Weg gehen. Im Fußball ist es eine Qualität unserer Mannschaft, sich auf Gegner einstellen zu können.

Flexibel zu sein ist also sehr dänisch?
Auch in anderen Bereichen des Lebens hat sich die Haltung entwickelt, man will nicht nur Gewinner sehen, sondern Kreativität und Intuition im Rahmen der Möglichkeiten. Die Leute mussten an den dänischen Weg glauben und lernen, Vertrauen zu haben, selbst, wenn wir damit verloren haben.

Unser Bilderrückblick auf die bisherigen EM-Turniere:

Die Turniere im Bilderrückblick
Bei den ersten beiden Europameisterschaften, die damals noch unter dem Titel "Europapokal der Nationen" lief, bestritten nur jeweils vier Mannschaften die Endrunde. 1960 gewann die Sowjetunion in Frankreich, vier Jahre später triumphierte Spanien im eigenen Land, unter den Augen von General Franco (im Bild). Lesen Sie hierzu aus unserer Serie zu EM-Geschichte(n): Das Rückzugsgefecht des Generalisimo FrancoWeitere Bilder anzeigen
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08.06.2012 10:48Bei den ersten beiden Europameisterschaften, die damals noch unter dem Titel "Europapokal der Nationen" lief, bestritten nur...

Deshalb ist Dänemark 1992 Europameister geworden?
(lacht) Ja, ja, vom Campingplatz weg. Aber diese Art, zuerst einmal ansehnlich spielen zu wollen, gibt es auch woanders, was mich in dem Fall positiv überrascht hat.

Das müssen Sie uns erklären?
Ich denke an die WM 2006. Da hat man in Deutschland akzeptiert, nicht gewonnen zu haben. Man hat gleichzeitig gesagt, wir haben guten Fußball gespielt. Das war neu in Deutschland. Darüber habe ich mich gefreut. Das war anders als früher, da hat man versucht, egal wie, zu Ergebnissen zu kommen.

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