Motorrad-WM : Valentino Rossi braucht das Glück

Gespaltene Motorradszene: Die einen gönnen Valentino Rossi den Weltmeistertitel, bei anderen hat der Italiener Achtung verloren.

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Ein Mann sucht Rat. Motorrad-Legende Valentino Rossi hat im letzten Rennen der Saison die schlechteste Ausgangsposition. Foto: AFP/Nogi
Ein Mann sucht Rat. Motorrad-Legende Valentino Rossi hat im letzten Rennen der Saison die schlechteste Ausgangsposition.Foto: AFP/Nogi

Die Szene ist noch nicht einmal zwei Wochen alt, und doch bereits ein moderner Sportklassiker. „Valentinos Fußtritt ist wie Zidanes Kopfstoß, wie Tysons Biss“, so sieht es „La Stampa“. Genau genommen ist der folgenreiche Zweikampf zwischen Valentino Rossi und Marc Marquez beim vergangenen MotoGP-Rennen in Malaysia eher eine Art Wembleytor der Motorradszene. Tritt oder nicht Tritt? Diese Glaubensfrage beschäftigt die Fans seit knapp vierzehn Tagen – und könnte sie auch nach Jahren noch beschäftigen.

Eigentlich kämpft Rossi ja gegen Jorge Lorenzo um den Titel. Sieben Punkte Vorsprung auf seinen Yamaha-Teamkollegen hat er vor dem letzten Saisonrennen in Valencia am Sonntag. Doch es ist der Nebenstrang, das Duell zwischen dem spanischen Wunderknaben Marquez und dessen einstigem Kindheitsidol Rossi, der die Menschen fesselt. Nach einem langen, gnadenlosen Zweikampf um Rang drei waren Rossi und Marquez in der siebten Runde des Rennens in Sepang kollidiert. Der Spanier stürzte, Rossi fuhr weiter und wurde hinter dem Sieger Daniel Pedrosa und Lorenzo Dritter.

Die Sepangfrage spaltet die MotoGP in zwei Lager. Hatte Marquez das ungeschriebene Gesetz gebrochen und sich in den WM-Kampf eingemischt? Hatte er Rossi so bedrängt, dass der sich nach einer Berührung nur Luft mit dem Knie verschaffen wollte? Oder plante der genervte Rossi, den lästigen Rivalen von der Strecke zu drängen und zu treten? Auch die Rennleitung konnte darauf keine klare Antwort liefern. Aus keinem Kamerawinkel lasse sich klar sagen, ob Rossis Fuß wegen der Berührung mit Marquez' Helm von der Fußraste gerutscht sei, „oder er absichtlich nach Marc gekickt hat“, sagte Rennleiter Mike Webb. So wurde nicht Rossis vermeintlicher Fußtritt geahndet (sonst wäre er wohl direkt disqualifiziert worden), sondern den Umstand, dass er Marquez in Richtung Kiesbett abgedrängt hatte. Weil Rossis Einspruch vom Internationalen Sportgerichtshof Cas abgeschmettert wurde, muss er nun am Sonntag als Letzter ins Rennen starten.

Der Vorfall hat die Motorradwelt in höchste Aufregung versetzt und zu einigen diplomatischen Verwicklungen geführt. Italienische Journalisten lieferten sich ein Handgemenge mit Marquez, dessen Sponsor drohte wiederum mit Ausstieg. Rossi wähnt sich wie seine Millionen Fans (darunter auch der Formel-1-Pilot Sebastian Vettel) als Opfer einer spanischen Intrige. Schon beim Rennen in Australien bezichtigte er Marquez, seinem spanischen Landsmann Jorge Lorenzo zum WM-Titel verhelfen zu wollen. „Er möchte, dass Lorenzo die WM gewinnt“, behauptete Rossi und vermutet als Grund persönliche Animositäten nach harten Zweikämpfen mit Marquez in Argentinien 2014 und den Niederlanden.

Marquez wies den Vorwurf zurück und beteuerte, sich nicht in den WM-Kampf einmischen zu wollen. Doch es wirkte schon merkwürdig, wie er schon im Training in Malaysia schattengleich direkt hinter Rossi herfuhr und selbst dann nicht überholte, als der abbremste. Auch im Rennen fuhr er so lange um Rossi herum, bis dieser schließlich die Nerven verlor.

Rossi fehlt es an Speed, dafür punktet er mit Konstanz und Nervenstärke

Rossis Gegner verweisen darauf, dass der von vielen so angehimmelte Valentino nicht zum ersten Mal aus der Rolle fiel und eingedenk seines Legendenstatus von der Rennleitung viel zu barmherzig behandelt wurde. „Er ist ein toller Fahrer, vielleicht der beste in der Geschichte“, sagte der zweimalige MotoGP-Weltmeister Lorenzo. „Aber wir haben den Respekt vor ihm als Sportler verloren.“

Es ist bemerkenswert, dass Valentino Rossi vor einem WM-Finale noch einmal derart die Gemüter erhitzt. Ein Jahrzehnt lang hatte der Italiener die Konkurrenz dominiert und war wegen seines spektakulären Auftretens auf und neben der Strecke zum ersten echten Weltstar der Motorradszene aufgestiegen. Doch nach seinem neunten und bislang letzten Titelgewinn 2009 und dem zwischenzeitlichen Wechsel zu Ducati schien seine Ära beendet, meist fuhr er nur um Mittelfeldplätze mit. Lorenzo nahm ihm den WM-Titel ab und bald darauf betrat der designierte neue Rossi die MotoGP-Bühne: Marc Marquez.

Spektakulär und aggressiv wie sein einstiges Kindheitsidol Rossi gewann der charismatische Spanier schon in seiner ersten MotoGP-Saison den Titel und verteidigte ihn auch 2014. In diesem Jahr allerdings plagte er sich mit großen Problemen an seiner Honda und einer Handverletzung herum, sodass die beiden Yamaha-Piloten den Titel unter sich ausmachen: Lorenzo und eben Valentino Rossi.

Seit seiner Rückkehr zu Yamaha 2014 mischt Rossi zur Verwunderung vieler wieder regelmäßig im Spitzenkampf mit. Was Rossi an Speed im Vergleich zu seiner Hochphase verloren hat, macht der inzwischen 36-Jährige mit großer Konstanz und Nervenstärke wett. So hielt er sich seinen jüngeren Stallrivalen Jorge Lorenzo seit Saisonbeginn auf Abstand. Bis zum Rennen in Malaysia.

Auch wenn viele davon sprachen, dass der Zusammenprall zwischen dem alternden Helden und dem aufmüpfigen Prinzen dem Sport geschadet habe, ist natürlich das Gegenteil der Fall. Wie nach allen Eskalationen potenziert sich das Interesse. Die Einschaltquoten für das Finale in Valencia dürften großartig sein.

Nicht ganz so großartig ist die Quote für Rossis Titelgewinn. Der Nachteil des letzten Startplatzes dürfte kaum auszugleichen sein. „Leider macht der Start vom Ende des Feldes jetzt alles richtig schwierig“, sagte Rossi. Sollte Lorenzo, der als Trainingsschnellster von Startplatz eins vor Marquez ins Rennen geht, in seiner Heimat siegen oder Zweiter werden, wovon auszugehen ist, dann müsste Rossi direkt hinter ihm ins Ziel kommen, um den Titel zu gewinnen. Oft genug hat Rossi in seiner Karriere spektakuläre Aufholjagden hingelegt. Doch das wird in Valencia nicht reichen, zumal er Anfeindungen des spanischen Publikums fürchten muss. Wenn Valentino Rossi seine Karriere mit dem zehnten WM-Titel krönen will, dann wird er einen weiteren modernen Sportklassiker schaffen müssen.

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