Sport : Motorrad-WM: Vom Deppen zum Helden: Ralf Waldmanns Rolle bei Regenrennen

Claus Hecking

Hohenstein-Ernstthal. Der Blick auf die Vorhersagekarte des Deutschen Wetterdienstes lässt Ralf Waldmanns Miene verdüstern. Wechselhafte Bedingungen sowie Schauer haben die Meteorologen für das kommende Wochenende für die Region Chemnitz prognostiziert - und nichts wünscht sich der Motorradrennfahrer sehnlicher als gleichbleibendes Wetter. Schließlich findet am Sonntag auf dem bei Chemnitz liegenden Sachsenring der Große Preis von Deutschland für Motorräder statt. Und bereits die letzten beiden Rennen der Klasse bis 250 ccm Hubraum sind von plötzlich einsetzenden Regengüssen völlig auf den Kopf gestellt worden. Im niederländischen Assen wurde Waldmann wegen seiner gering profilierten Intermediate-Reifen zweimal überrundet. Zwei Wochen später in Donington (Großbritannien) fuhr er von Rang 23 auf Position eins vor - weil er sich diesmal für Regenpneus entschieden hatte. "Einmal waren wir die Deppen, einmal die Helden. In Assen hatte ich einfach Pech, in Donington dafür Glück."

Weil Reifenwechsel im Motorradsport wegen der Kürze der nur etwa 45 Minuten dauernden Läufe wenig Sinn machen, müssen sich die Piloten vor Rennbeginn unwiderruflich entscheiden, ob sie profillosen Slicks, Intermediates oder den stark profilierten Regenreifen den Vorzug geben. Bei unsicheren Wetterbedingungen wird diese Auswahl zum Lotteriespiel. "Ich habe für Sonntag nur einen Wunsch: Gleichbleibendes Wetter während des Rennens", sagte daher Waldmanns Teamchef Dieter Stappert. "Denn wir wollen den Zuschauern zeigen, dass wir auch unter regulären Verhältnissen um den Sieg mitfahren können."

Den Beweis dieser Behauptung ist Waldmann in dieser Saison bislang zumeist schuldig geblieben. Mit 89 Punkten liegt der Aprilia-Pilot in der Weltmeisterschafts-Gesamtwertung 71 Zähler hinter dem Franzosen Olivier Jacque auf Yamaha zurück; den Titel hat er abgeschrieben. "Dieser Zug ist leider wohl abgefahren", sagt der Deutsche, der auch in seinem 14. Anlauf abermals sein Karriereziel, einmal Weltmeister zu werden, verpassen wird. Und damit der Fahrer mit den meisten Grand-Prix-Siegen (20) bleibt, der nie den Titel gewonnen hat.

Dabei waren die Voraussetzungen in dieser Saison optimal. Nach dem Wechsel des Ausnahmepiloten Valentino Rossi in die "Königsklasse" bis 500 ccm kriegt der Deutsche als Nummer eins bei Aprilia die volle Unterstützung des Werkes. Cheftuner Sepp Schlögl hat die Technik im Griff, Fahrer und Motorrad harmonieren miteinander. Niedergeschlagen hat sich das allerdings bisher nur im Training: Bei den fünf der vergangenen sechs Grand Prix qualifizierte sich Waldmann immer für die erste Startreihe - um dann im Rennen dreimal zu stürzen. Nur im spanischen Jerez gab es ein pannenfreies Wochenende - prompt siegte der Deutsche. "Wir kriegen es am Renntag nie auf die Reihe", kritisiert Stappert seinen Piloten. Und auch Trainingsweltmeister Waldmann geht mit sich selbst hart ins Gerede: "Ich habe manchmal zu viel gewollt und bin über die Verhältnisse gefahren. Und dafür kann ich nur mich selbst verantwortlich machen."

Negativ bemerkbar machen könnte sich die Pannenserie in einer Budgetkürzung fürs kommende Jahr. Aprilias Renndirektor Jan Witteveen erwägt, sowohl die Aufwendungen für das Team als auch den Fahrer deutlich einzuschränken. Waldmann, der in dieser Saison geschätzte 750.000 Mark verdient, will das nicht akzeptieren - und pokert daher um einen besseren Vertrag. Er besitze ein "äußerst attraktives Angebot" aus der 500er-Klasse, gab Waldmann in den vergangenen Wochen bei jeder sich bietenden Gelegenheit bekannt. Als Journalisten bei den entsprechenden Teams nachforschten, ergab sich dort ein allgemeines Desinteresse an der Verpflichtung des 34-Jährigen. Was zur Folge hatte, dass Waldmann höchstpersönlich bei einem Team aus der Superbikeklasse anrief und seine Dienste anbot, um eine Alternative zu Aprilia zu haben. Eine konkrete Antwort des Rennstalls hat allerdings bislang auf sich warten lassen.

Seinen Marktwert steigern kann Waldmann wohl nur mit guten sportlichen Leistungen in den kommenden Wochen. Weswegen er sich für die verbleibenden sieben Rennen gleich drei Siege vorgenommen hat. Schon am Sachsenring soll der Anfang gemacht werden - dort will Waldmann vor 70 000 Zuschauern seinen Heimvorteil nutzen: "Die Fans am Sachsenring brüllen sich die Kehle aus dem Leib, wenn ein Deutscher vorbeikommt. Da ist man noch ein bisschen schneller als sonst, das ist wie im Rausch", sagt Waldmann - bevor er im selben Atemzug vor übertriebener Euphorie warnt: "Wenn ich merke, dass ich nicht gewinnen kann, versuche ich es nicht mehr mit Gewalt. Mit einem weiteren Sturz von mir wäre niemandem gedient." Ralf Waldmann selbst am allerwenigsten.

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