Motorsport : Der Killer mit dem Babyface

Sebastian Vettels Bruch der Teamorder erregt die Formel 1 – es geht dabei eher um seinen Stil als um das Überholmanöver selbst.

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Wasser sollen andere tragen. Ein Vettel hält sich nicht an die Stallorder. Foto: dpa
Wasser sollen andere tragen. Ein Vettel hält sich nicht an die Stallorder. Foto: dpaFoto: dpa

Die Stallregie, das ewige Streitthema. Auch am Tag nach dem umstrittenen Sieg von Sebastian Vettel bestimmte die Teamorder bei Red Bull und Mercedes beim Rennen in Malaysia die Formel 1. Eigentlich ist sie seit Jahrzehnten im Motorsport üblich, doch spätestens seit Rubens Barrichello seinem Ferrari-Teamkollegen Michael Schumacher 2002 in Österreich auf Geheiß des Teams kurz vor der Ziellinie passieren lassen musste, ist das taktische Mittel schwer in Verruf geraten. Jahrelang war sie auch verboten, doch seit 2011 ist es wieder erlaubt, die Reihenfolge der Teamkollegen von der Box zu regeln. Doch die Frage ist immer noch: Ehrt oder schädigt es einen Piloten, wenn er die Stallorder befolgt?

Gerade die einstigen Piloten sind der Ansicht, dass Nico Rosberg einen Fehler begangen habe, sich an die Order von Mercedes-Teamchef Ross Brawn zu halten und den drittplatzierten Lewis Hamilton nicht zu überholen. Der frühere Formel-1-Fahrer Marc Surer nannte Rosberg einen „braven Soldaten“: „Das hätte ich nicht gemacht und sein Vater auch nicht.“ In der Tat läuft Rosberg nun Gefahr, den Karriereweg eines Adjutanten einzuschlagen.

Gerhard Berger kennt diesen Weg. Der Österreicher eskortierte einst den großen Ayrton Senna zum Titel. Er weiß also, wovon er spricht, wenn er sagt: „Um drei oder vier Mal die WM zu gewinnen, musst du sehr selbstsüchtig sein.“ Als Rennfahrer habe Vettel in dieser Situation nicht anders handeln können. „Diese Jungs haben einen riesigen Killerinstinkt. Sie folgen nicht ihrem Gehirn, sondern machen, was ihr Instinkt ihnen sagt.“

Die Begründung von Team Horner erscheint fragwürdig: Es sei darum gegangen, die Reifen zu schonen

Wer diesen Instinkt einmal betrügt, erholt sich meist nie wieder davon. So erging es auch David Coulthard. Der Schotte verteidigt heute die Stallregie, schließlich stünden für die Teams Millionen auf dem Spiel. Als Fahrer aber litt er darunter, dass er Ende der neunziger Jahre Mika Häkkinen bei McLaren vorbeilassen musste. Im Rückblick bezeichnet Coulthard dies als Wendepunkt seiner Laufbahn. Er wurde eine gute Nummer zwei, Häkkinen zweimal Weltmeister. Auch Rubens Barrichello und Felipe Massa wurden bei Ferrari unter Ross Brawn nur als Befehlsempfänger angestellt. Beide zerbrachen daran, Barrichello entwickelte später einen regelrechten Verfolgungswahn. Als er sich 2009 im Mercedes-Vorgängerteam Brawn gegen Jenson Button benachteiligt sah, schimpfte er: „Ich halte mich an keine Stallorder mehr. Eher höre ich auf.“ Diese Ansage kam ein paar Jahre zu spät. Weltmeister wurde Button.

Nicht also Vettels Überholmanöver, sondern die Art und Weise war es denn auch, die so viel Missfallen erregte. Marc Surer fand, dass Vettel sich der Stallorder deutlich per Funk hätte widersetzen sollen. Das tat Webber in Silverstone 2011, als er Vettel weiter angriff. Der Deutsche aber blieb in Malaysia im Rennen stumm, so sah es nach einem hinterhältigen Angriff auf einen wehrlosen Teamkollegen aus. „Vettel lässt die Maske fallen“, schrieb die „Times“, der frühere Pilot John Watson forderte sogar von Red Bull, Vettel für ein Rennen zu sperren.

Dabei ist die Begründung für die Teamregie von Red-Bull-Teamchef Christian Horner bei genauerer Betrachtung recht fragwürdig: Es sei darum gegangen, die Reifen zu schonen. Nun hatte sich Vettel in der Qualifikation extra einen Satz der schnelleren weichen Reifen aufgespart, um dann in der Schlussphase des Rennens attackieren zu können. Warum sollte er diesen Vorteil nicht nutzen können? Dass Vettel da nicht mitspielte, zeigte vor allem, dass er die Härte und Unerbittlichkeit der ganz Großen in der Formel 1 hat.

Einig waren sich die meisten im Fahrerlager immerhin in der Ansicht, dass eine Teamorder im zweiten Saisonrennen schwer zu vermitteln ist. Ein Teammanager, der lieber ungenannt bleiben will, erklärte: „Wenn ich große Unternehmen als Sponsor in die Formel 1 locken will, dann bekomme ich immer wieder zu hören, dass da kein echter Sport mehr geboten werde.“

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