Motorsport: Ein Selbstversuch : Kängurus in der Auslaufzone

Beim Fahren auf Rennstrecken lernt man nicht nur Schnelligkeit, sondern auch Gelassenheit. Der Mount Panorama Circuit in Australien gehört zu den anspruchsvollsten Kursen – ein Selbstversuch.

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Keine Spazierfahrt. Beim Einlenken in das Kurvengeschlängel „Esses“ braucht es Präzision und Konzentration.
Keine Spazierfahrt. Beim Einlenken in das Kurvengeschlängel „Esses“ braucht es Präzision und Konzentration.Foto: Jürgen Tap/Porsche

Die Möchtegern-Profis erkennt man sofort: gut genährte Männer, bei 40 Grad in feuerfesten Overalls mit aufgenähtem FIA- oder WEC-Logo und sportlich geschnittenen Rennschuhen. Bei der Vorbesprechung im Driving Center stehen sie hibbelig da, die Rennhandschuhe sind schon übergezogen. Nur den Helm, der als einziges „Rennutensil“ für eine Fahrt auf der 6,2 Kilometer langen Rennstrecke Mount Panorama Circuit im australischen Bathurst vorgeschrieben ist, haben sie noch nicht auf. Ich stehe wie so häufig als einzige Frau auf einer Rennstrecke zwischen all den Männern. Ohne Rennoverall, in Turnschuhen, Jeans und vorgeschriebenem, langärmeligem Shirt. Gleich geht’s raus auf eine der anspruchsvollsten Rennstrecken der Welt. Der Adrenalinpegel steigt, die Gedanken kreisen um ein örtliches Risiko: bloß keine Kollision mit einem Känguru zwischen den Kurven zwei und vier oder 18 und 19!

Die Männer, alle Porsche-Fahrer, haben ein Wochenendpaket für 5000 bis 6000 Australische Dollar (3500 bis 4100 Euro) gebucht: das Zwölf-Stunden-Rennen als Auftakt der International GT-Challenge mit Übernachtung im Luxus-Zelt plus ein Fahrtag unter Anleitung von Instruktoren. Viele Overall-Träger wollen mit dieser Fahrt eine spezielle australische Lizenz erwerben. Ich zwar nicht, aber ich darf auf Einladung von Porsche mitfahren.

„Be patient“ - „Seien Sie geduldig“, „fahren Sie nicht angespannt“, erzählt der Chef der Porsche Driving School. Es gebe keinen Druck. Niemand solle schneller fahren als er fahrerisch kann. Diese Mahnung ist für den Mount Panorama Circuit lebenswichtig: Es gibt kaum Auslaufzonen, dafür 23 schnelle, langsame oder blinde Kurven, Kuppen, Senken und zwei lange Geraden. Präzision und Konzentration sind gefordert, sonst können einem die Betonmauern in der Bergsektion zu nahe kommen.

Der erste Durchgang dient dem Kennenlernen der Strecke

Zwei Stints sind angesetzt. Der erste Durchgang dient dem Kennenlernen der Strecke. Der Instruktor orientiert sich am langsamsten Fahrer in der Gruppe. Der rote Porsche Cayman S mit der Startnummer 23 ist meiner. Sitz und Spiegel sind eingerichtet. Der (geliehene) Helm sitzt einigermaßen. Dann geht’s raus aus der Boxengasse, rein in die Virgin Australia Corner und rauf auf die 1,1 Kilometer lange Mountain Straight Richtung Berggipfel. Geschaltet wird mit Wippen am Volant. Der Vordermann ist direkt vor mir, die Gruppe wird langsam. Sehr langsam. Die nächsten Kurven Griffin’s Bend, Audi Cutting könnten flotter gefahren werden, wenn ein Overall-Fahrer vor mir schon einmal etwas von Bremspunkt, Einlenkpunkt, Scheitelpunkt gehört hätte. Aber es heißt ja „be patient“. Ommmmm.

Oben angekommen auf der Skyline, bleibt keine Zeit die Landschaft zu bewundern. Es geht schon wieder runter. Und wie! Die Autos stürzen sich durch die „Esses“, ein steil nach unten gehendes, enges Kurvengeschlängel. Hier durchzukommen hat im ersten Durchgang nicht viel mit Ideallinie zu tun. Gedanken an hüpfende Kängurus, die während des Rennens noch friedlich zwischen den Abschnitten The Dipper und Forrest’s Elbow saßen, verfliegen völlig.

Nach dem „Ellbogen“ gehts auf den 1,9 Kilometer langen und schnellsten Streckenabschnitt Conrod Straight, ein schneller Linksknick nach der Pirelli Bridge und schon steht schon das Schild mit den fünf Buchstaben „BRAKE“ vor der Schikane Caltex Chase. Bremsen heißt jetzt wirklich bremsen, das zeigen die Bremsspuren auf der Strecke. Dann geht’s in Murray’s Corner, die letzte Kurve und in die Zielgerade.

Endlich kommt der zweite Stint. Alle dürfen jetzt überholen

Nach weiteren Runden halten wir in der Boxengasse, entspannen im Aufenthaltsraum und trinken viel Wasser. Die Overall-Männer erzählen, wie sie welche Kurve richtig extrem gefahren sind. Ich muss dabei schmunzeln, meine eigenen Rennstreckenerfahrungen mit Autos und Motorrädern reichen von Le Castellet, Ascari, Nürburgring-Nordschleife, Spa, Oschersleben, Lausitzring bis Austin und Daytona.

Endlich kommt der zweite Stint. Der fängt deutlich schneller an. Alle dürfen jetzt überholen. Und eine gewisse Genugtuung überkommt mich, als ich an einem dieser Overall-Männer vorbeiziehe. Das Grinsen vergeht mir schnell, als ich im Rückspiegel sehe, wie eine extrem schnelle Truppe mit Porsche Turbo, GT3, GT3 RS aufläuft. Vor der „Esses“ lasse ich die Gruppe sicherheitshalber überholen. Dran bleiben hat keinen Sinn, denn ich möchte den Cayman möglichst ohne Kratzer und Dellen wieder heil zurückbringen.

Von Runde zu Runde steigt das Vertrauen, und die Kängurus beobachten unsere Fahrkünste schön von weitem. Nach einigen Stunden Fahrzeit steigen wir mit leuchtenden Augen, einem breiten Grinsen und dem Gefühl von innerer Ruhe und Gelassenheit aus den Sportwagen. Zum Abschied bekommen auch die Overall-Männer von mir einen freundlichen Blick zugeworfen.

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