Sport : Motorsport: Im Kreis in Rennwagen von der Stange

Hartmut Moheit

Immer wieder aufs Neue erwischt sich Marcel Tiemann dabei, dass er in Gedanken versunken sein Telefon anstarrt. Klingelt es plötzlich, dann hofft er in seiner Wohnung in Monte Carlo nur eines: Jemand möge ihn auffordern, schnellstens in die USA zu kommen. Möglichst noch Anfang April nach Long Beach. Aber so richtig glaubt der 27-Jährige nicht mehr daran, dass er von Zakspeed Forsythe Racing dazu aufgefordert wird, obwohl ihm doch sein Dreijahresvertrag den Start in der ChampCar-Serie garantieren sollte. Doch beim ersten Rennen in Monterrey in Mexiko blieb das Cockpit von Tiemann leer, und auch für das zweite Rennen am 8. April in Kalifornien sieht es nicht viel besser aus.

Nicht, dass er zu schlecht wäre. Nein, Tiemanns Problem ist ein anderes. Der Hauptsponsor, eine Internetfirma, hat sich zurückgezogen. Das Projekt ChampCar des Deutschen Peter Zakowski, der auch schon mal von einem Einstieg in die Formel 1 geträumt hatte, scheint zu einem Mega-Flop mit einem Millionenverlust zu werden. "Wenn ich nicht aufpasse, droht mir sogar eine ganze verlorene Saison", sagt Tiemann. "Die Fahrerplätze in anderen Serien und damit bei allen renommierten Teams sind längst besetzt." Dabei hatte ihm Mercedes-Teamchef Norbert Haug für 2001 erneut einen Werksvertrag angeboten.

Doch Tiemann wollte unbedingt seine Chance in den USA nutzen. Als Gegenstück zur Formel 1 gibt es im Motorsport nur die ChampCar-Szene. Stars wie Michael Andretti, Christian Fittipaldi, Jimmy Vasser, Paul Tracy oder Gil de Ferran sitzen in den schnellsten Rennautos der Welt, deren Durchschnittsgeschwindigkeiten bei den Rennen mit 380 km/h angegeben werden. Wer dieses Tempo beherrscht, zählt zu den Arrivierten im Motorsport. Tiemann hat vor dem Saisonstart einige Testfahrten absolviert und schwärmt von einer "völlig anderen Welt. Es ist unglaublich, was die paar Fahrten für einen Spaß gemacht haben."

Rein äußerlich ähnelt das ChampCar einem Formel-1-Rennwagen. Doch in technischer, finanzieller und auch sportlicher Hinsicht gibt es große Unterschiede zwischen den beiden Rennserien. Ein Beispiel dafür: Die ChampCar-Teams kaufen ihre Rennwagen quasi von der Stange. Da alle über nahezu gleichwertiges Material verfügen, gibt es eine Vielzahl von Sieganwärtern. Der für die Zuschauer wichtigste Unterschied zur Formel 1 ist ein anderer: ChampCar, das sind Autorennen auf ovalen Strecken, Stadtkursen und Flugplätzen, die in der Regel nicht nur in Sekundenbruchteilen vor ihren Augen ablaufen, sondern beispielsweise auf den Ovals vom Anfang bis zum Ende zu verfolgen sind. Dazu schotten sich die Stars nicht annähernd so ab wie die Michael Schumacher und Co. in der Welt von Bernie Ecclestone.

Davon werden sich auch die deutschen Fans überzeugen können. In diesem Jahr gastiert hier zu Lande nicht nur die Formel 1 (auf dem Nürburgring und in Hockenheim). Erstmals gastiert ChampCar in Europa, und zwar auf dem Lausitzring. "Gentlemen start your engines!" wird es am 15. September auf dem neuen Kurs heißen. Erstmals werden dann die "German 500" auf dem Trioval ausgefahren, also ein ChampCar-Rennen über 500 km. "Es wäre zu schön, wenn ich wenigstens vor eigenem Publikum fahren könnte", hofft Marcel Tiemann. Auf diesen 15. September hatte er sich bei der Vertragsunterzeichnung bei Zakspeed besonders gefreut. Davor stehen noch 14 Rennen in den USA, Japan und Kanada auf dem Programm. Genügend Zeit also, dass vielleicht doch noch ein Wunder passieren kann. Nur, so lange möchte Marcel Tiemann auf keinen Fall noch in Monaco sitzen und auf sein Telefon starren.

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