Motorsport : Mit Vollgas in die Ehrenrunde

Nico Hülkenberg gilt als großes Talent und künftiger Formel-1-Pilot. Doch der 20-Jährige muss sich gedulden: Nächstes Jahr ist noch kein Cockpit für ihn frei.

Christian Hönicke
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Formel-3-Pilot Nico Hülkenberg. -Foto: dpa

Nico Hülkenbergs Augen blicken stoisch wie zwei Scheinwerfer, doch sein Heck zuckt nervös. „Ich fühle mich prinzipiell bereit für die Formel 1“, sagt er betont souverän, während er fast unmerklich auf seinem Stuhl hin und her rutscht. Vor kurzem hat der Rennfahrer aus Emmerich zum ersten Mal eine komplette Renndistanz im Formel-1- Rennwagen absolviert, und diese Erfahrung hat bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Mit leuchtenden Augen erzählt er von der Testfahrt im Williams in Barcelona: „Ich hatte danach einen kleinen Drehwurm und brauchte erst mal ein bisschen, um wieder runterzukommen. Aber es hat Spaß gemacht – ich hatte es mir viel schwieriger vorgestellt. Jetzt mir fehlt eigentlich nur noch ein bisschen Erfahrung.“ Die wichtigste macht Hülkenberg gerade: Ruhe bewahren, wenn man zwar schnell ist, aber keine Lücke findet.

Nicolas, genannt Nico, Hülkenberg ist Germany’s Next Formel-1-Pilot. Der 20-Jährige gilt ob seines Talents seit geraumer Zeit als potenzieller Nachfolger seines großen Idols Michael Schumacher. Im Motorsport-Nationencup A1GP brachte der junge Deutsche mit teils berauschenden Fahrten selbst den zweifachen Weltmeister Emerson Fittipaldi zum Schwärmen. Und Willi Weber dazu, sein Prinzip über Bord zu werfen, nach Michael Schumacher keinen anderen Fahrer mehr zu managen.

„Er erinnert mich unglaublich an Michael“, sagte Weber kurz nach der Entdeckung Hülkenbergs dem Tagesspiegel. „Er hat unglaublichen Speed im Grenzbereich, fährt mit Kopf und macht keine Fehler. Er poliert sogar mit den Mechanikern das Auto.“ Der Manager regte angesichts dieser Parallelen einen Erfahrungstransfer zwischen seinen beiden Klienten an, um den Reifeprozess seines Neuzugangs ein wenig zu beschleunigen. Doch Hülkenberg legt wenig Wert darauf. „Ich habe noch nicht mit Michael gesprochen“, sagt er, „ich erarbeite mir das lieber allein.“ Davon hat er mittlerweile auch Weber überzeugt: „Willi macht mir Vorschläge, aber er vergleicht mich nicht permanent mit Michael.“ In Sachen Weltgewandtheit hat Hülkenberg sein Vorbild durch seinen Auftritt in der global ausgerichteten A1GP-Serie ohnehin bereits eingeholt: „Ich weiß jetzt, wie groß die Welt wirklich ist.“

Momentan arbeitet Nico Hülkenberg wieder in heimischen Gefilden an seinem privaten Erfahrungsschatz. Nach einem Sieg und einem vierten Platz am vergangenen Wochenende auf dem Nürburgring ist er in der Gesamtwertung der Formel-3-Euroserie bis auf einen Punkt an den Führenden Edoardo Mortara herangerückt. „Mein erstes Ziel für diese Saison ist es, den Titel in der Formel 3 zu holen“, sagt Hülkenberg. Das zweite Ziel nennt er auch gleich mit: „Am liebsten würde ich schon im nächsten Jahr in der Formel 1 fahren.“

Dies erscheint aber momentan außer Reichweite. Webers Zeitplan, nach dem Hülkenberg eigentlich schon in diesem Jahr in der Formel 1 seine Runden drehen sollte, ist inzwischen leicht überzogen. Und es sieht so aus, als müsste Hülkenberg trotz seines unbestrittenen Talents noch eine weitere Ehrenrunde als Testfahrer für Williams drehen. Mit Interesse und ein wenig Enttäuschung dürfte das Duo jedenfalls die Worte Norbert Haugs vernommen haben. Der Motorsportchef von Mercedes bekundete, es sei „davon auszugehen, dass Heikki Kovalainen bei uns bleibt“. Somit würde bei McLaren-Mercedes eben nicht der Platz frei, auf den Williams-Pilot Nico Rosberg schon seit geraumer Zeit schielt. Weil das Team wegen des Motorenpartners Toyota eindeutige Präferenzen bezüglich Kazuki Nakajima als zweitem Stammfahrer hat, wäre für Hülkenberg kein Platz bei Williams, und mit anderen Teams – betont er jedenfalls – „reden wir nicht“.

So bleibt Hülkenberg vorerst nur die vage Chance auf einen temporären Aufstieg. „Ich gehe davon aus, dass ich auch Ersatzfahrer bei Williams bin“, sagt er. Sollte ein Stammpilot verhindert sein, könnte Hülkenberg als Nachrücker sein erstes Formel-1-Rennen aus der Cockpit-Perspektive erleben. Sebastian Vettel kam auf diese Weise im vergangenen Jahr bei BMW zu seinem ersten WM-Punkt und empfahl sich bei anderen Teams.

Alternativ bietet sich für Hülkenberg 2009 die Möglichkeit, seinen Horizont in der Formel-1-Talenteshow GP2 zu erweitern. „Das wäre der normale Weg“, sagt er, und tatsächlich sind über diesen Laufsteg zuletzt unter anderem Timo Glock, Nico Rosberg, Nelson Piquet Junior und Lewis Hamilton in die Formel 1 gekommen. Der derzeitige WM-Führende Hamilton war damals übrigens 22. Es besteht also keine Veranlassung für Nico Hülkenberg, nervös zu werden.

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