Sport : Müde Männer Schönes neues Jahr

Deutschlands Handballer enttäuschen beim Nationenturnier vor der EM in Slowenien Eisschnellläuferin Anni Friesinger gewinnt an ihrem 27. Geburtstag die Mehrkampf-Europameisterschaften – nun denkt sie an die nächsten Medaillen

Klaus Rocca

Der Schrei war in der Halle von Tschechow, einige Dutzend Kilometer von Moskau entfernt, nicht zu überhören. Torsten Jansen war gerade mit seinem ägyptischen Gegenspieler zusammengeprallt und lag mit schmerzverzerrtem, blutverschmiertem Gesicht am Boden. Kieferbruch, lautete die erste Diagnose. Doch im Krankenhaus gab es nach dem Röntgen Entwarnung. Jansen hatte bei der Kollision einen Schneidezahn verloren, die Lippe musste mit mehreren Stichen genäht werden. Im Hotel, als die Mannschaftskameraden fein zu Abend aßen, schlürfte Jansen schon wieder seine Suppe.

Der 27-jährige Linkshänder vom Bundesligisten HSV Hamburg ist nicht der Einzige, der das internationale Turnier in Tschechow in unliebsamer Erinnerung behalten wird. Der Trip nach Russland war für Deutschlands Handballer nicht dazu angetan, für die am 22. Januar in Slowenien beginnende Europameisterschaft übermäßige Zuversicht aufkommen zu lassen. 21:29 gegen Frankreich, 23:26 gegen das zweitklassige Ägypten – kein Renommee für den Vizeweltmeister. Dass am Ende wenigstens im Spiel um Platz fünf gegen Russland 29:24 gewonnen wurde, war nur ein schwacher Trost, musste der Gastgeber doch auf Asse wie Torgowanow, Tutschkin und Lawrow verzichten. Dass von den Turnierprämien in Höhe von 80 000 Euro für den fünften Platz nichts mehr abfiel, tat zwar dem nicht gerade gut betuchten Deutschen Handball-Bund weh, Bundestrainer Heiner Brand tangierte das noch am wenigsten.

„Einige Spieler sind sehr müde“, konstatierte Brand. Angesprochen fühlen durften sich vor allem Christian Schwarzer und Mark Dragunski. Und einige Spieler waren erst gar nicht dabei, wie Stefan Kretzschmar, Markus Baur und Volker Zerbe. So wollte Brand „auch nichts dramatisieren“. Dennoch gab er zu, „dass wir in einer schwierigen Phase sind“.

In Slowenien kann er aber nicht nur auf Baur und Zerbe bauen, sondern vielleicht auch auf Kretzschmar. Der Magdeburger musste sich gerade in Berlin einer Leistenoperation unterziehen, wird auch in den letzten beiden Testspielen in dieser Woche in Hannover und Dortmund – wieder gegen Russland – fehlen, hat aber die EM noch nicht abgeschrieben. Rutscht er noch in den 16er-Kader, hätte Torsten Jansen, der Unglücksrabe von Tschechow, auf der linken Position schlechte Karten.

Was die Skepsis in Tschechow noch größer machte, war die Tatsache, dass sich Frankreich und Serbien-Montenegro offenbar bereits in glänzender Form befinden. Beide standen sich im Finale gegenüber, das der WM-Dritte Frankreich 28:27 gewann. Und beide sind in der EM-Vorrundengruppe im Adria-Ort Koper Gegner der Deutschen.

Da gilt es, die Müdigkeit schnell abzustreifen. Wenn die Mannschaft heute aus Moskau zurückkehrt, hat sie noch drei Tage Zeit, sich zu regenerieren.

Von Steffen Hudemann

Die Party für Anni Friesinger hatte schon vor dem Rennen begonnen. Die 13 000 Eislauf-Fans im niederländischen Heerenveen brachten ihr ein Ständchen – zunächst nur anlässlich ihres 27. Geburtstags.

Aber eigentlich war da schon allen klar, dass Friesinger wenig später auch als Europameisterin gefeiert werden würde – zum vierten Mal nach 2000, 2002 und 2003. Mit fast zehn Sekunden Vorsprung auf die Niederländerin Renate Groenewold war die Eisschnellläuferin aus Inzell in den abschließenden 5000-Meter-Lauf der Europameisterschaften im Mehrkampf gegangen.

Als so große Favoritin ins Rennen zu gehen, sei nicht einfach gewesen, gab sie später am Telefon zu. „Ich jage lieber die anderen, als dass ich von anderen gejagt werde. Alle warten darauf, dass man einen Fehler macht.“

Sie dürfte sich dabei an die Mehrkampf-Weltmeisterschaften vor drei Jahren in Budapest erinnert haben. Damals hatte sie in einer ähnlichen Situation den Titel fast noch verspielt. Zwölf Sekunden hatte sie vor dem entscheidenen 5000-Meter-Lauf vor Rivalin Claudia Pechstein gelegen. Am Ende rettete sie nur eine Zehntelsekunde ins Ziel.

Gestern ging sie kein Risiko ein. Einen Sturz, der ihren Geburtstag noch hätte verderben können, wollte Friesinger unbedingt vermeiden. In 7:06,44 Minuten wurde sie Dritte, verteidigte damit ihren Vorsprung vor Claudia Pechstein und Renate Groenewold – und durfte sich anschließend endgültig von den zumeist in orangefarbenen Trikots gekleideten Fans feiern lassen.

Weniger entspannt verlief der Nachmittag dagegen für die Berlinerin Claudia Pechstein: Als Anni Friesinger auf ihren letzten zwei Runden vom Publikum bereits als Siegerin gefeiert wurde, hockte die zuvor Drittplatzierte Pechstein, ihr Gesicht in den Händen vergraben, am Rande der Eisbahn. Bangend verfolgte sie die Zwischenzeiten, die für Renate Groenewold angezeigt wurden.

Fünf Sekunden langsamer als Pechstein (7:03,15) war die Niederländerin am Ende und fiel auf den dritten Platz zurück. Pechstein erreichte sowohl in der Tages- als auch in der Gesamtwertung den zweiten Platz. Geschlagen wurde sie gestern nur von der Langstreckenspezialistin Gretha Smit aus den Niederlanden, die das 5000-Meter-Rennen in 6:58,34 Minuten gewann und in der Gesamtwertung auf den sechsten Platz vorrückte.

„Platz zwei ist mehr, als ich erhoffen durfte“, freute sich die 31-jährige Berlinerin über ihren Erfolg. „Ich habe ja gesagt, ich werde kämpfen. Und das habe ich heute bewiesen.“ Dann durfte auch sie an der großen Party teilhaben: Auf ihrer Ehrenrunde sammelte sie die zahlreichen Kuscheltiere ein, die die Fans aufs Eis geworfen hatten.

Claudia Pechsteins zweiter Platz ist bereits ihr viertes EM-Silber in Folge, für die deutschen Eisschnellläuferinnnen war es sogar schon der fünfte EM-Doppelsieg nacheinander. Lucille Opitz aus Berlin wurde zudem Siebente, die Erfurterin Daniela Anschütz Elfte. „Wir haben heute ein tolles Mannschaftsergebnis gezeigt“, sagte Friesinger, bevor sie die Eishalle verließ, um am Hotelbankett mit den Kolleginnen und Trainern auf das Ergebnis und ihren Geburtstag anzustoßen. Auch Anni Friesingers jüngerer Bruder Jan hatte Grund zum Feiern: Der 23-Jährige hatte im Mehrkampf-Wettbewerb der Männer den neunten Platz belegt.

Viel Zeit für Feierlichkeiten bleibt der Europameisterin allerdings nicht. Schon heute Nachmittag reist sie nach Amsterdam. Von dort aus geht es weiter ins japanische Nagano, wo am kommenden Wochenende die Sprint-Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Anni Friesinger hat sich auch für die Wettbewerbe in Nagano viel vorgenommen: „Über 1000 Meter würde ich gern wieder auf dem Treppchen landen.“

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