Sport : Müde Piraten am Bosporus

Griechenlands Trainer Otto Rehhagel ärgert sich nach dem 0:0 in der Türkei

Torsten Haselbauer[Istanbul]

Mit viel Fantasie vermag man selbst einem eher mageren 0:0 etwas abzugewinnen. Jedenfalls bemühte sich die griechische Sportpresse am Tag nach dem torlosen Kick im WM-Qualifikationsspiel am späten Samstagabend zwischen der Türkei und Griechenland schon fast krampfhaft um Euphorie. „Wie die Piraten eroberten wir den Bosporus. Einfach unbesiegbar!“ titulierte die „Sportday“. Otto Rehhagel kam da schon zu einer sehr viel kritischeren Einschätzung. Erstmalig nach einem Pflichtspiel seines Teams kritisierte der 67-jährige Trainer des Europameisters seine Spieler öffentlich, und das deutlich. „Ich bin wirklich enttäuscht von dem Auftreten meiner Mannschaft hier in Istanbul. Wir waren müde und haben fast glücklich ein Unentschieden erreicht“, sagte Rehhagel.

Noch vor dem Spiel wäre Rehhagel mit einer Punkteteilung gegen den benachbarten Erzfeind Türkei im stimmungsvollen Inönu-Stadion im Istanbuler Stadtteil Besiktas zufrieden gewesen. Immerhin war damit doch das von ihm ausgegebene Ziel, den Gegner im Gerangel um den wichtigen zweiten Platz in der Qualifikationsgruppe 2 mit zwei Punkten auf Distanz zu halten, erreicht. Doch nach dem Spiel ist eben doch nicht immer vor dem Spiel. Und so zeigte sich Otto Rehhagel zerknirscht wie noch nie in seiner nunmehr fast vierjährigen Trainerzeit in Hellas. Da ebenfalls am Samstag der Tabellenführer Ukraine ohne Mühe 2:0 gegen Kasachstan gewann, wird es wohl nichts mehr mit dem Gruppensieg für die Griechen. Fünf Punkte Vorsprung haben die Ukrainer nun auf dem Weg zur direkten Qualifikation für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Deutschland.

Größer noch war die Enttäuschung in der Türkei. Dabei hatte doch der WM-Dritte von Japan und Südkorea alles versucht, den Griechen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Das Spiel war eigens in das nur 21 700 Zuschauer fassende Besiktas-Stadion verlegt worden. Dort sollte die besondere, gedrungene und irrsinnig laute Atmosphäre den Türken einen zusätzlichen Motivationsschub geben. Es half nichts. „Das war viel zu wenig. Wir sind nur viel gerannt, mehr nicht. Jetzt müssen wir die restlichen Spiele alle gewinnen“, sagte Yildiray Bastürk. Der Mittelfeldspieler von Hertha BSC kann dabei aber nur bedingt helfen. Schiedsrichter Markus Merk aus Kaiserslautern zeigte Bastürk wegen Reklamierens in der letzten Minute Gelb-Rot, so dass dieser im nächsten Spiel gegen Kasachstan zuschauen muss.

Das türkische Massenblatt „Hürriyet“ wähnt die Chancen der eigenen Mannschaft schon auf dem Nullpunkt. „0:0 – Game Over“ titulierte sie in großen Buchstaben. Dafür spricht die in der Türkei schon mit dem Schlusspfiff einsetzende Trainerdiskussion um den erfolglosen Ersun Yanal, den die Fans ausbuhten und dem Experten keine Zukunft mehr als Chef des türkischen Nationalteams voraussagen.

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