Sport : München ist nicht Madrid

Schweinsteiger und Robben zeigen Nerven.

von
Foto: dapd
Foto: dapdFoto: dapd

Sind wir Helden? Aber natürlich! Lange bevor es losging mit dem finalen Entscheidungsschießen lief Manuel Neuer in den Mittelkreis der Münchner Arena, er schnappte sich den Spielball und ließ ihn auf seinen Füßen tanzen, links, rechts und dann noch mal mit der Sohle drauf. Es war dies auch ein Signal hinüber zur Bank des FC Chelsea: Schaut nur, wie locker wir sind! Wir kennen das Spielchen, wir haben das vor ein paar Wochen schon vor 80 000 Fans im Halbfinale bei Real Madrid hinter uns gebracht! Da werden wir doch jetzt in unserem Stadion vor euch keine Angst haben!

Fünf Minuten später war alles vorbei.

Wer redet noch über die Helden von Madrid nach der Tragödie von München? Die Helden von Madrid, das waren Arjen Robben, Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer. Keiner von ihnen wird seinen Ruhm lange konservieren können, nicht einmal der Torhüter Neuer, der vor bald vier Wochen im Bernabeu Elfmeter der Weltstars Kaka und Cristiano Ronaldo abgewehrt hatte. Neuer machte auch gegen Chelsea ein gutes Spiel, im Elfmeterschießen parierte er den ersten Versuch von Juan Mata, den dritten für die Bayern verwandelte er selbst. Aber in Erinnerung wird bleiben, dass er bei Didier Drogbas Kopfball nach Chelseas einzigem Eckball noch mit der Hand am Ball war und doch nicht das späte 1:1 verhindern konnte. Kein Torwartfehler, ganz gewiss nicht, aber ein Held für die Ewigkeit hätte den Arm einen Tick früher nach oben gerissen und den Ball doch noch irgendwie über die Latte gelenkt.

Das Momentum war nicht mit den Bayern in dieser denkwürdigen Nacht von Fröttmaning. Nicht mit Manuel Neuer, obwohl den überhaupt keine Schuld traf, und erst recht nicht mit den beiden anderen Helden von Madrid. Arjen Robben hatte im Bernabeu die Nerven behalten und vor Reals johlender und pfeifender Fankurve den Elfmeter verwandelt, der den Bayern die Verlängerung und damit schließlich auch den Einzug ins Finale ermöglicht hatte. Gegen Chelsea rannte und dribbelte und flankte der Holländer mit einer Vehemenz, wie er sie nicht immer an den Tag legt. Und auch diesmal trat er zum Elfmeter an, vor der Nordkurve der Münchner Arena, wo das Blau des FC Chelsea sich gegen das übermächtige Münchner Rot zu behaupten versuchte. Im wichtigsten Augenblick des Finales aber verließ ihn der Mut, wie er Helden auszeichnet.

Auf ein weiteres Duell mit Chelseas Torhüter Petr Cech mochte sich Robben im Elfmeterschießen nicht mehr einlassen – „dafür muss man schon Verständnis haben, in seiner Situation“, sagte Trainer Jupp Heynckes. Die verzweifelte Rekrutierung der fünf Schützen sagt einiges über das schwer angeschlagene Selbstbewusstsein der Münchner. Franck Ribéry und Thomas Müller waren bereits ausgewechselt worden, Robben winkte sofort ab. Anatoli Timoschtschuk ließ sich auch durch intensivste Gestik des ausgewechselten Thomas Müller nicht überreden, so dass Müller gleich weiterging zu Manuel Neuer, obwohl der in keinem Planspiel als Schütze vorgesehen war. Wie Philipp Lahm und Mario Gomez machte er seine Sache gut, aber damit war das Münchner Potenzial an Nervenstärke auch schon aufgebraucht.

Das Drama nahm seinen Lauf, zunächst mit Ivica Olics Schüsschen und, sehr viel dramatischer noch, mit dem Auftritt von Bastian Schweinsteiger. Im Madrider Estadio Santiago Bernabeu hatte er im Halbfinal-Rückspiel den entscheidenden Elfmeter verwandelt. Am Samstag verriet schon sein Anlauf die Unsicherheit. Eins, zwei, drei, kurzer Zwischenschritt, abgebremst, dann fast aus dem Stand geschossen, ohne Schwung und innere Überzeugung. Der Ball flog halbhoch nach rechts und klatschte an den Pfosten. Aus und vorbei. Noch auf dem Weg zurück zu seinen Mannschaftskollegen begrub Schweinsteiger den Kopf unter seinem Trikot, und da ließ er ihn auch, als wenige Sekunden später ein Mann anlief und sich seinen Ruhm für die Ewigkeit sicherte: Didier Drogba, der Held von München.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben