Sport : Münchner Stadion: Martialische Töne für Freizeitobjekt

Im Münchner Stadion-Wahlkampf haben die Fußballrivalen FC Bayern und TSV 1860 gemeinsam die Schlussphase eingeläutet und sogar das bevorstehende 195. Lokalduell zur Nebensache erklärt. "Das Derby ist interessant, aber der 21. Oktober ist wichtiger", erklärte Bayerns Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge. 1860-Chef Karl-Heinz Wildmoser wandte sich gar mit einem leidenschaftlichen Appell an die Bürger: "Wir brauchen das Stadion, bei einer Ablehnung ist München mausetot."

Zwölf Tage vor dem Bürgerentscheid werden die Worte gewaltiger. Und die materiellen Anstrengungen auch. Die Vereine, die Stadt und der Freistaat gingen gestern mit neuen Plakaten und einem Werbespot für die Münchner Kinos in die letzte Werberunde. 90 000 der 906 000 Wahlberechtigten müssen mobilisiert werden, um den Stadionneubau in Fröttmaning im Münchner Norden zu ermöglichen. Notpläne im Falle einer Ablehnung gibt es keine. Dann spiele man halt weiter im Olympiastadion, und irgendwann werde man sich in Nürnberg oder Unterhaching einquartieren, meinte Wildmoser scherzhaft. Ernsthafte Gedanken über einen Auszug gibt es weder bei Bayern noch bei 1860.

Trotz aller Scherze gehen Die Angst vor einem negativen Bürgerentscheid ist allgegenwärtig. Wildmoser prophezeit der Stadt bereits einen Abstieg ins Provinzielle, Bayern-Manager Uli Hoeneß sprach gar von einer möglichen "Katastrophe". Dann gehe die WM 2006 halt an München vorbei, und das Medienzentrum für 25 000 Journalisten auch, klagen die Verantwortlichen schon im Voraus.

Die Befürworter führen vor allem wirtschaftliche Gründe ins Feld und reden, wie Bayern-Schatzmeister Fritz Scherer, von einer "Aufschwung-Rakete". Der Neubau werde Arbeitsplätze schaffen. "Wenn ein Mann das nicht sieht, ist er an der falschen Stelle", meinte Scherer mit einem Seitenhieb auf Münchens Stadtkämmerer Klaus Jungfer (SPD), der sich dagegen wehrt, öffentliche Mittel für die Infrastruktur auszugeben. Mit den Gegnern des kostspieligen Neubaus wird nicht zimperlich umgegangen. Ihnen werfen die Fußballmanager "kurzsichtige Polemik und Effekthascherei" vor, "Ammenmärchen" und "Wahlbetrug". Martialische Worte sind derzeit an der Tagesordnung - beim Kampf um ein Freizeitobjekt.

Die Kosten für die Infrastruktur werden von Stadion-Kritikern auf bis zu einer Milliarde Mark beziffert. Die Klubs veranschlagen dagegen nur 360 Millionen Mark. Die 400 Millionen Mark für den Neubau werden von den Vereinen aufgebracht, die mit einer jeweils 50-prozentigen Beteiligung eine Betreiber- und Besitzer-GmbH gründen werden. Aus den Einnahmen des neuen Stadions sollen für einen Zeitraum von 25 Jahren die Zins- und Tilgungslasten sowie die Unterhaltskosten aufgebracht werden.

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