Muhammad Ali : Der König der Welt

Muhammad Ali wird am Samstag in Berlin für sein bürgerrechtliches Engagement geehrt - im Tagesspiegel würdigt ihn ein alter Weggefährte. Ein Porträt von Ben Wett

Ben Wett

Ihn fast mein ganzes amerikanisches Leben lang begleiten zu dürfen - immerhin über vierzig Jahre - war ein fortwährendes Erlebnis der besonderen Art. Es ließ mich frühzeitig erkennen und schätzen, welch innere Werte in diesem Jahrhundertathleten verborgen sind und auf meine ganz persönliche Art lernte ich auch schnell, ihn - in gewisser Weise - immer wieder selbst zu ehren. Es begann natürlich mit den großen Boxkämpfen in den Sechziger- und Siebzigerjahren, als erst Cassius Clay und dann Muhammad Ali, die ganze Welt immer wieder faszinierte. Aber auch seine politischen und religiösen Engagements zeigten bald, dass man es hier mit viel mehr als nur einem Boxer zu tun hatte.

In den turbulenten Sechzigerjahren bewies der junge Box-Weltmeister einen bis dahin ungekannten Mut, als er sich dem amerikanischen Establishment entgegenstellte und den Wehrdienst verweigerte. Sein berühmtes Zitat "I aint got no quarrel with them Vietcong" ("Ich habe keinen Streit mit dem Vietcong") ließ dann auch die ganze Welt aufhorchen und brachte ihm über Nacht überall Sympathien und Unterstützung. Auch seine direkte persönliche Einschaltung in die aufwühlenden Bürgerrechtskämpfe in der amerikanischen Gesellschaft machte Schlagzeilen überall auf der Welt. Auch für dieses Engagement wird Ali heute Abend in Berlin von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen geehrt.

Wichtig dabei ist, dass Muhammad Alis Engagement ehrlich war. Nachdem man ihn wegen Wehrdienstverweigerung und seiner Zugehörigkeit zu der Sekte Black Muslims verurteilt hatte, wurde er zum meist gehassten Sportler der USA. Nicht nur entzog man ihm seinen Weltmeistertitel, den er im Februar 1964 von Sonny Liston gewonnen hatte, sondern man beraubte ihn auch seines Lebensunterhaltes. Cassius Clay alias Muhammad Ali durfte damals nicht die USA verlassen, man hatte ihm den Reisepass entzogen. In der Tat konnte man ihn für 100 Dollar vor die Fernsehkamera holen, weil sämtliche Einkünfte versiegt waren.

Auch hier zeigte sich wieder die enorme innere Kraft, die in dem Mann steckte, als sein Stolz es ihm verbot, seinen Standpunkt zu ändern und dem riesigen Druck nachzugeben. Es war in dieser Zeit, als man ihm die Boxlizenz für dreieinhalb Jahre entzogen hatte, dass der große Mythos um Muhammad Ali entstand. Die ganze Welt betrachtete ihn plötzlich als einen der wenigen Hoffnungsschimmer, die es besonders für die Unterprivilegierten aller Hautfarben und religiösen Gesinnungen gab. Muhammad Ali war zum Champion des Volkes geworden.

Als er 1970 seinen Rechtstreit mit den amerikanischen Behörden für sich entscheiden konnte (der oberste US-Gerichtshof entschied einstimmig für ihn), triumphierte und grollte Ali nicht etwa, sondern er zeigte Größe, indem er seinen Widersachern verzieh.

Ich stehe bis zum heutigen Tag dazu, dass das größte Sportereignis, dem ich beiwohnte (und das schließt viele Olympische Spiele, Fußballweltmeisterschaften und unzählige Boxkämpfe ein), der erste Kampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier am 8. März 1971 im New Yorker Madison Square Garden war. Es war so viel mehr als ein bloßer Boxkampf. Die Nation war durch den Vietnamkrieg, Rassenkrawalle und Studentenrevolten tief gespalten. Der Kampf in der Arena zwischen den beiden schwarzen Schwergewichtlern symbolisierte den maroden Zustand der amerikanischen Gesellschaft. Auf der einen Seite stand Smokin' Joe Frazier - der "gute Neger" - und ihm gegenüber Muhammad Ali, der vielgehasste Rebell. Beide waren bis dahin ungeschlagen. Obwohl Ali den Kampf verhältnismäßig klar nach Punkten verlor, ging er als der wahre Sieger aus diesem brutalen 15-Runden-Gefecht hervor. Irgendwie, meine ich auch noch heute, hatte in diesem Ringviereck, auf das das Augenmerk der gesamten Welt für eine Stunde gerichtet war, in den USA ein Heilungsprozess begonnen.

Während Ali weiter im Ring triumphierte (1974 holte er sich im berühmten "Rumble in the jungle" in Kinshasa, Zaire, den WM-Titel von George Foreman zurück), war er nicht nur zum Symbol für Integrität, Hoffnung, Toleranz und Respekt geworden, sondern er hatte auch den Status des wirklich Größten. Er war der erste wahre Superstar der Welt - der "King of the World".

Trotz seines weltweiten Ruhms bleib der Superstar der Bescheidene, der Bodenständige. Er war immer offen und zugänglich, wollte nie einen Fan abweisen. Auf dem Zenit seiner Popularität angekommen - 1978 gewann er in New Orleans zum dritten Mal den WM-Titel im Schwergewicht -, hatte sich der Boxer aus Louisville, Kentucky, längst eine viel größere Arena ausgemalt, als den Boxring. Als er 1981 seine aktive Laufbahn beendet sagte er: "Meine großen Erfolge im Ring fanden nur in der Umkleidekabine statt. Jetzt trete ich hinaus in die ganz große Arena." Seine humanitäre Laufbahn hatte begonnen. Er sah es als seine persönliche Lebensaufgabe, den Menschen in aller Welt zu helfen, sie zu inspirieren und ihnen Hoffnung und Stolz zu geben.

Dafür wird er heute in der ganzen Welt geehrt. Allein in den letzten Wochen gab es drei große Auszeichnungen für Muhammad Ali, die ihn als den Freiheitskämpfer und Friedensbotschafter unserer Welt ehren. Präsident George W. Bush verlieh ihm im Weißen Haus die "Presidential Medal of Freedom", die höchste zivile Auszeichnung der USA. Kurz darauf wurde in seiner Heimatstadt Louisville das "Muhammad Ali Center" eröffnet, eine Begegnungsstätte für die Jugend der Welt. Hier sollen die Werte weiter vermittelt werden, für die Muhammad Ali Zeit seines Lebens gekämpft hat.

Sein langjähriger Kampf gegen das Parkinsonsche Syndrom verlieh ihm weitere weltweite Anerkennung. Viele sehen dies als Alis schwersten Kampf. Aber auch hier bewies der fast 64-Jährige seine ungeheure Willenskraft und seinen großen Mut. Alis letzter Kampf steht noch bevor.

Der Autor berichtet seit Anfang der Sechzigerjahre für das deutsche Fernsehen aus den USA und hat seither vielen Deutschen den US-Sport näher gebracht. Wett ist seit dieser Zeit mit Muhammad Ali eng befreundet. Ben Wett lebt in New York und Los Angeles. (Von Ben Wett)

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