Sport : Mundwinkel runter, Stimmung rauf

FANTRAINING FÜR DIE WM (Folge 3) Wie flucht man richtig beim Fußball, Wolfgang Trepper?

Jeannette Krauth

Unsere Autorin hat keine Ahnung vom Fußball – bis jetzt. Für die WM lernt sie in einer Serie, was ein Fan können muss. In der dritten Folge fragt sie Komiker Wolfgang Trepper: Wie schimpft man richtig?

P-I-S-S-E. Das Wort steckt mir im Hals, will nicht heraus. Sag schon, sag’s! Aber ich bekomme ansonsten noch nicht mal „Du dumme Kuh!“ über die Lippen. Und jetzt so was. „Los!“, sagt mein Schimpfwort-Mentor. Also los. Böse gucken und dann raus damit: „Ist der pissen, oder wo isser?“

Wie war ich? Stille. „Nee!“ Mädchenstimme auf weiter Flur, so klang das. Das nimmt mir doch niemand ab.

„Die Mundwinkel runter“, sagt Wolfgang Trepper, „stell dir vor, du willst gar nicht hier sein, das kotzt dich alles an.“ Wir sitzen im Schmidt-Theater, Hamburg. Ein Saal mit Blick auf die Reeperbahn, hier hat der FC St. Pauli den Aufstieg gefeiert. Normalerweise tigert Trepper, Komiker, wie die fleischgewordene schlechte Laune auf der Bühne herum, grämt sich über Fernsehshows und Schlagerlieder. Wenn einer mir beibringen kann, wie ich ordentlich fluche, auf die Gegner verbal eindresche, dann er.

Das muss ich können, für mein neues Leben als Fan. Es besteht Bedarf: Ich bin die, die fast in Ohnmacht gefallen wäre, als das erste Mal jemand „Dumme Kuh!“ zu mir gesagt hat. Da war ich 16, Klosterschülerin, und habe mich danach tagelang gefragt, warum man jemanden so betitelt. Also: Ich bin ein Weichei.

Der Satz mit dem Pissen, der wäre ideal, sagt Wolfgang Trepper, wenn ich das Lob der Masse ernten will. Uhh, Masse! Suspekt. Ich mache mir Sorgen: Was, wenn die anderen Zuschauer merken, wie wenig Ahnung ich habe und trotzdem losschimpfe? „Wenn du mitkriegst, dass die immer ‚Mein Gott noch mal!‘ sagen, wenn zum Beispiel der Spieler mit der Nummer sechs im Bild ist“, sagt Trepper, „dann findest du unauffällig seinen Namen heraus und fragst, wenn er gerade nicht im Bild ist: ‚Ist der pissen, oder wo isser?‘ Die Leute werden sagen: Da hat se recht.“

Ich solle das mal zu Hause ausprobieren. „Pass auf, Trepper“, sage ich, „damit das aus meinem Mund nicht albern wirkt, wie wäre es, wenn ich stattdessen etwas Enthusiastisches rufe wie: ,Jetzt lauft doch mal, Jungs‘?“ – „Kardinalfehler“, sagt Trepper. „Das ist viel zu konkret. Keinen Intellekt reinbringen, das darfst du nicht. Du musst flach sein und unsachlich. Sag Holland statt Niederlande, sag Käsköppe, Grachtenpisser!“ Großes Lob gäbe es, wenn ich die Leute schon beschimpfe, bevor das Spiel anfängt. Etwa: „Guck mal, die Grachtenpisser, die haben Angst!“

Nicht denken! Das Niveau muss sein: Hier Ball, da Tor. Schlechte Laune simulieren, alle anderen für Idioten halten. Ich stelle mich dicht vor Trepper, seltsam dicht, schaue so aggro wie möglich und sage: „Guck mal, die GRACHTENPISSER, die haben richtig Angst!“ Na? „Guter Tonfall“, sagt er. Es fühlt sich noch an wie geborgt.

Ich trainiere. Pisse, Pisse, Pisse, denke ich. Im Taxi. An der Ampel. Neben den Schwaben im Restaurant, die die Brotpreise erklärt haben wollen: Pisser! Erst komme ich mir vor, als hätte ich das Tourette-Syndrom, als müsse ich zwanghaft Schimpfwörter sagen. Aber es macht immer mehr Spaß. Wie heimlich ausgehen als Teenager.

Die Generalprobe. Wenn der Mann, den ich zu Hause habe, mault, dann sage ich normalerweise etwas wie: „Deine liebevolle Art ist schwer zu ertragen.“ Jetzt aber sage ich: „Wenn es dir nicht passt, dann geh doch PISSEN!“ (Gut, das ergibt nicht wirklich Sinn, aber es ist das Erste, das mir einfällt.) Er hält inne, legt den Kopf schief, so als ob er sich Sorgen mache, als ob ich eine schlimme Krankheit hätte. „Was ist los?“ Geht doch.

Morgen: richtig Schwarz-Rot-Gold tragen mit Designerin Alexandra Baum.

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