Sport : Murcia-Rundfahrt: Massensturz nach der Schweigeminute

Hartmut Scherzer

Mitten auf der Straße liegt ein Radrennfahrer in seinem Blut. Ein Arzt leistet erste Hilfe. Der Kopf ist blutverschmiert. Eine breite rote Lache bedeckt den Asphalt 150 Meter vor dem Ziel. "Die Tragödie macht bei den Ciclistas erneut die Runde, gestern bei der Murcia-Rundfahrt", schrieb die Sportzeitung "Marca". Die spanischen Zeitungen veröffentlichten das Schreckensbild, das Lokalblatt "La Opinion" sogar auf der Titelseite - in Farbe.

Lance Armstrong wendet sich ab, wenn er solche Bilder sieht. "Da kommen einem erschreckende Gedanken", sagt der Tour-de-France-Sieger der vergangenen zwei Jahre. "Wenn ich an den Gestürzten vorbeifahre, schaue ich daher nicht hin. Ich will es nicht sehen. Aber du hoffst natürlich, dass ihr Wohlbefinden okay ist." Der schwer gestürzte Däne Tayeb Braikia von der belgischen Lotto-Mannschaft, am vergangenen Sonntag noch Sieger der "Clasica de Almeria", ist so weit hergestellt, dass keine Lebensgefahr besteht. Seinen 27. Geburtstag beging Braikia am Donnerstag im Krankenhaus mit einem Jochbeinbruch, einer ausgekugelten Schulter, einer gerissenen Achillessehne und mehreren genähten Platzwunden am Kopf.

Armstrongs ebenfalls in den Massensturz verwickelter Helfer Jaime Burrow (England) brach sich die linke Hand. Der ebenfalls gestürzte Olympiasieger Robert Bartko vom Team Telekom kam mit dem Schrecken davon. Die besondere Sensibilität Armstrongs angesichts schwerer Stürze ist zu verstehen. Sein Freund und Teamgefährte Fabio Casartelli, der italienische Olympiasieger von 1992, war 1995 bei der Tour de France zu Tode gestürzt.

Geschockt war auch Jan Ullrich, der auf der schmalen Zielgeraden in Aguilas fast mit zu Boden gerissen worden wäre, sich aber "gerade noch auf dem Rad halten konnte". Der Olympiasieger musste an den eigenen schweren Sturz in seinem letzten Rennen am 8. Oktober letzten Jahres denken, bei Paris - Tours, wo er mit dem Gesicht auf den Bordstein aufgeschlagen war. "Es ist nicht schön anzuschauen", sagte Ullrich schockiert, "wie da einige mit blutenden Beinen und Köpfen auf der Straße liegen." Das oberste Ziel bei seinem Saison-Debüt in Spanien sei daher, "auf dem Rad bleiben und gesund durchkommen".

Radrennfahrer leben nun einmal gefährlich. Das geschlossene rechte Auge Marcel Wüsts wirkt wie ein Mahnmal für die tödliche Gefahr im Massenspurt. Der Kölner schwebte nach dem Sturz am 11. August 2000 bei einem Kriterium in Frankreich in Lebensgefahr. Wüst hätte tot sein können wie der Spanier Manuel Sanroma, der 1998 einen Sturz im Etappensprint der Katalonien-Rundfahrt nicht überlebte. Der Radsport steht immer noch unter dem Schock des tödlichen Trainingsunfalls der Zwillingsbrüder Otxoa vor drei Wochen. Vor dem Start der Murcia-Rundfahrt gedachte das Peloton in einer Schweigeminute des bei dem Zusammenprall mit einem Auto tödlich verunglückten Ricardo. Fast gleichzeitig wurde Javier operiert. Der Zustand des Tour-Dreizehnten sei "dramatisch", berichtete "Marca". Nur ein Wunder könne ihn noch retten.

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