Sport : "Mussolinis Enkel"

Vincenzo Delle Donne

Es fing - wie so oft - ganz harmlos an, und endete - wie so oft - mit einer Massenschlägerei nach allen erlaubten und unerlaubten Regeln der Faustkunst. "Mehr Faustschläge als Tore", befand die Sportzeitung "Gazzetta dello Sport". Die Champions-League-Partie zwischen dem AS Rom und Galatasaray Istanbul hatte schließlich mit einem 1:1 geendet, und die Ereignisse unmittelbar nach dem Schlusspfiff erregten mehr Aufsehen als das Spiel, in dem Galatasaray durch Umit Karan in Führung gegangen war und Rom durch einen sehenswerten Lupfer des Brasilianers Cafu ausgeglichen hatte.

Schiedsrichter Anders Frisk aus Schweden hatte gerade die Partie abgepfiffen, bei der sich die Spieler beider Mannschaften erbitterte Wortgefechte und Rangeleien geliefert hatten. Mit dem Abpfiff rannte der bullige Galatasaray-Abwehrspieler Asik Emre auf Batistuta los und pöbelte ihn an. Batistuta schubste seinen Kontrahenten weg, worauf dieser am Mittelkreis mit einem Kameramann zusammenstieß. Emre drosch daraufhin zunächst auf den Kameramann ein und machte sich sodann auf, Batistuta zu verfolgen. Währenddessen schlugen Torwart Antonioli und Abwehrspieler Panucci auf Galatasaray-Spieler ein, die ihnen gerade über den Weg liefen. Es war das Signal für die Spieler beider Mannschaften wie auch für die Ersatzspieler und diverse Funktionäre.

In diesem improvisierten Faustkampf erwies sich Roms Abwehrrecke Lima als besonders eifrig. Der Brasilianer malträtierte mit Fußtritten Freund und Feind: seine eigenen Klubfunktionäre, Polizisten, aber auch Spieler von Galatasaray. Trainer Fabio Capello bemühte sich, Lima und Co. zu beruhigen und in den Tunnel zur Kabine zu zerren. Als keine Roma-Spieler mehr in Reichweite waren, gingen türkische Spieler auf die Polizeikräfte los. Die Polizisten wehrten sich, und erst Galatasarays Trainer Mircea Lupescu, der exzellent Italienisch spricht, beruhigte die Situation, indem er den Rest seiner Mannschaft im Mittelkreis versammelte. Am folgenden Tag ging die Auseinandersetzung dann in die verbale Verlängerung.

"Eine Polizei, die so gnadenlos vorgeht und die Spieler sogar im Umkleideraum attackiert, kann nur die Polizei von Mussolini sein", sagte der türkische Außenminister Ismail Cem. Die türkische Regierung übergab dem italienischen Botschafter in Ankara, Vittorio Surdo, eine offizielle Protestnote. "Mussolinis Enkel", titelte die türkische Tageszeitung Aksam. Galatasaray-Profi Ümit Karan erklärte der Zeitung Milliyet: "Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich mit einem Stock geschlagen wurde. Meine Augen sind geschwollen und meine Beine sind mit blauen Flecken übersät."

Dagegen kritisierte die italienische Polizei die Spieler von Galatasaray und leitete gerichtliche Schritte wegen gewalttätiger Angriffe auf Beamte ein. "Ich habe so etwas in 20 Jahren im Olympiastadion noch nicht erlebt, dass ein Spieler einen Polizisten anspuckt und angreift", sagte ein Polizist.

Ein Galatasaray-Funktionär sah die Schuld auf der anderen Seite: "Man hat uns mit Schlagstöcken malträtiert", behauptete er. Drei Spieler seien verletzt worden. Trainer Lupescu sagte: "Wir mussten auf dem Feld bleiben, weil wir Angst hatten, durch den Tunnel zu den Kabinen zu gehen." Einer seiner Spieler sei von drei Roma-Leuten angegriffen worden. Gabriel Batistuta immerhin, der den Tumult mit ausgelöst hatte, bekannte: "Ich habe einen Fehler gemacht. Ich wurde das ganze Spiel über provoziert, deshalb habe ich einen Spieler gegen eine Kamera geschubst. Es war ein Fehler." Die Europäische Fußball-Union (Uefa) hat eine Untersuchung eingeleitet. Beiden Klubs und einigen Spielern drohen harte Strafen. Die Disziplinarkommission wird sich am 22. März mit dem Vorfall befassen.

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