Sport : Mut zur Demut

Bayern dämpft vor der Saison die Erwartungen

Daniel Pontzen[München]

Der kleine Junge hatte offenbar nur am etwas glamouröseren Teil von Bayern Münchens Belegschaft Interesse. „Kommt der Schweini auch?“, fragte der Achtjährige kürzlich nach einer Übungseinheit während des Trainingslagers in Rottach-Egern einen der Münchner Profis. Als der verneinte, blieb der junge Anhänger hartnäckig: „Kommt denn der Olli Kahn?“ Auch da musste der junge Mann im Trainingsanzug ihn enttäuschen. „Kommt denn der Philipp Lahm?“ – „Nein“, entgegnete der Spieler tapfer, und spätestens jetzt hätte man ihm die Frage gewünscht, ob denn Christian Lell komme, aber diese Frage stellte der kleine Junge nicht.

Die Bayern-Fans sind in den vergangenen Jahren nicht eben zur Bescheidenheit erzogen worden – jenem Wert, dem die Verantwortlichen des Rekordmeisters in diesen Wochen eine Renaissance verschaffen. Als Uli Hoeneß im April angekündigt hatte, man würde sich fortan in der Liga mit einem Platz unter den ersten drei zufrieden geben und sich in der Champions League allenfalls noch den Achtelfinal-Einzug zum Ziel setzen, klang die neue Genügsamkeit noch arg aufgesetzt. Erstmals überhaupt hatte eine Mannschaft erfolgreich das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal verteidigt, und diese Leistung sah der Manager angesichts anhaltender Kritik offenbar nicht angemessen gewürdigt. Dass Hoeneß in jenen Tagen tatsächlich eine Sympathie für dritte Plätze entwickelt hätte – zum Beispiel hinter Schalke 04 und Werder Bremen – erscheint doch eher unwahrscheinlich.

Als indes Neuzugang Daniel van Buyten und dessen Abwehrkollege Valerien Ismael kürzlich ihre privaten Zielvorstellungen äußerten, wonach man mit dem FC Bayern sehr wohl die Champions League gewinnen wolle, wurde Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge deutlich: „Es gefällt mir nicht, dass die ersten Spieler jetzt das Spinnen anfangen. Da muss man mit einem Schuss Demut rangehen.“ Nach dem Weggang von Michael Ballack wird sich die Bayern-Mannschaft in den nächsten Wochen und Monaten neu definieren müssen – inzwischen klingt die Münchner Bescheidenheit deshalb keineswegs mehr so, als habe sie nur strategischen Charakter.

Von der euphorischen Aufbruchsstimmung, die noch im Winter nach dem besten Bundesliga-Kalenderjahr der Vereinsgeschichte geherrscht hatte, ist nur noch wenig übrig. Die Verlängerung des Vertrags von Trainer Felix Magath bis Sommer 2008 lässt sich nur mit viel Wohlwollen als Vertrauensbeweis verstehen. Hätte man diesen Schritt nicht getan, wäre Magaths Vertrag zum Saisonende ausgelaufen – spätestens nach der zweiten Saisonniederlage wäre dann eine heftige Trainerdebatte entbrannt. „Beide Parteien sind sich einig, dass ein Jahr reicht“, kommentierte Rummenigge den Schritt. „Wir hatten in den Gesprächen den Eindruck, dass auch Felix Magath nicht an einem Sicherheitsvertrag interessiert ist.“ Gefragt haben sie ihn demnach offenbar nicht.

Vieles wird davon abhängen, wie die Mannschaft den Verlust von Ballack und Zé Roberto verkraftet, die vor allem auf internationaler Ebene meist zu den Leistungsträgern zählten. Ob die Bayern nach den kostspieligen Neuerwerbungen van Buyten und Lukas Podolski (jeweils 10 Millionen Euro) noch einen weiteren Mann von Format holen, bleibt offen. „Wir können mit diesem Kader in die Saison gehen“, hatte Hoeneß vor zwei Wochen beim Trainingsstart der Münchner verkündet, zugleich jedoch betont, man habe „noch den einen oder anderen im Näschen“. Die Verpflichtung des niederländischen Stürmers Ruud van Nistelrooy von Manchester United wird zwar angestrebt, könnte allerdings am Geld scheitern.

„Wenn jeder Spieler 100 Prozent seiner Leistung bringt, wird man nicht merken, dass Ballack und Zé Roberto weg sind“, glaubt Ismael, der vor allem Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm zutraut, mehr Verantwortung zu übernehmen. Gerade die bei der WM eingesetzten Spieler werden jedoch einige Zeit brauchen, ehe sie wieder in bester körperlicher Verfassung sind. „Wir hatten bei dieser WM so viele Spieler im Einsatz wie kein anderer Verein der Bundesliga. Deswegen könnten wir in den ersten Wochen Schwierigkeiten haben“, sagt Magath. Die deutschen WM-Dritten Podolski, Lahm, Schweinsteiger und Kahn sowie der französische Vizeweltmeister Willy Sagnol stoßen erst zwei Wochen vor dem Saisonauftakt zum Team, der Brasilianer Lucio und der Engländer Owen Hargreaves nur wenige Tage früher.

„Wir hatten bisher kaum die Möglichkeit, etwas Neues für die kommende Saison auszuprobieren“, bilanziert Magath. Vorerst muss er auch Akteuren aus der zweiten Reihe vertrauen. Christian Lell etwa, der vor der Saison vom 1. FC Köln zurückkehrte. Der junge Mann trainiere „unheimlich gut“, so Magath, „er ist sehr zielstrebig und eifrig“. Wird Zeit, dass auch die Fans das zur Kenntnis nehmen.

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