Sport : Mutter ist die Beste

Die 35 Jahre alte Kanutin Katrin Wagner-Augustin überrascht trotz Babypause bei der WM.

Ulrich Hartmann
Mut zur Pause. Wagner-Augustin ist jetzt besser – mit weniger Training. Foto: dpa
Mut zur Pause. Wagner-Augustin ist jetzt besser – mit weniger Training. Foto: dpaFoto: dpa

Duisburg – In dieser Woche ist Katrin Wagner-Augustin beleidigt worden. Eine Nachrichtenagentur hat sie „Kanu-Oma" genannt. „Was – jetzt schon?“, hat die 35-Jährige halb empört, halb belustigt gesagt, als sie davon erfuhr. Kurz zuvor hatte sie die beste Vorlauf-Zeit aller Teilnehmerinnen gepaddelt und geht an diesem Samstag als eine der Favoritinnen ins Einerkajak-Finale über 500 Meter bei der Kanu-WM in Duisburg. Die viermalige Olympiasiegerin aus Schwielowsee bei Potsdam wird im Oktober 36. „Wer mich kennt, weiß, dass ich aber auch so gar nichts von einer Oma habe.“ Natürlich ahnt sie, dass man mit Mitte 30 von der Öffentlichkeit ins sportliche Greisenalter abgeschoben wird, aber Katrin Wagner-Augustin tut alles dafür, nach einer nunmehr 20-jährigen Sportlerkarriere weiterhin als jung wahrgenommen zu werden. Ihren Einzug ins 500-Meter-Finale auf dem Duisburger Bertasee feiert sie als Frischzellenkur. „Unter den neun Schnellsten der Welt zu sein mit 35 Jahren, das ist doch schon – gut“, sagt sie mit einer akzentuierenden Unterbrechung anerkennend.

Nicht viele haben der ältesten Kanutin der deutschen WM-Mannschaft solch ein Comeback zugetraut, nachdem sie vor zwei Jahren einen Sohn geboren hatte und seither als Mutter, Sportsoldatin, Spitzenkanutin und Diplom-Trainer-Anwärterin eine viel höhere Belastung koordiniert als zuvor. Doch sie weiß damit umzugehen. „Mut zur Pause“, nennt sie ihre neue Trainingsphilosophie und erklärt: „Früher hat man im Training auch mal eine Larifari-Einheit gemacht, weil man sie machen musste – aber wenn ich heute der Meinung bin, das bringt nichts, dann entscheide ich mich auch mal gegen das Training und weiß, dass ich am nächsten Tag umso intensiver bei der Sache bin.“ Bewusster trainieren, bewusster leben, mit positiven Folgen: „Ich denke, dass ich eigentlich noch besser bin als vor der Baby-Pause – mit weniger Training.“

An diesem Samstag steht sie über 500 Meter im Einer-Kajak-Finale und am Sonntag zudem über 500 Meter im Vierer-Finale zusammen mit Franziska Weber, Tina Dietze und Verena Hantl. Gute Chancen also, die WM-Goldmedaillen Nummer elf und zwölf zu gewinnen, zumal am Freitag endlich auch Mann und Sohn angereist sind und zur Unterstützung vom Ufer aus die Daumen drücken. „Es fällt mir total schwer, auf die beiden zu verzichten“, sagt sie, weshalb es ganz angenehm ist, dass ihr 2012 begonnenes berufsbegleitendes Studium zur Diplom-Sportlehrerin nur ein Mal im Monat für je vier Tage eine Präsenz an der Trainerakademie in Köln erfordert. In zwei Jahren will Wagner-Augustin Diplom-Sportlehrerin sein, damit könnte ihr ein Abschied aus dem aktiven Leistungssport leichter fallen.

„Ich guck von Jahr zu Jahr und behaupte nicht, dass ich in Rio mit dabei bin“, sagt Katrin Wagner-Augustin. Aber sie schließt es auch nicht aus. „Es klingt vielleicht doof, aber solange an mir keine vorbeifährt, wüsste ich nicht, warum ich aufhören sollte“, sagt sie mit ein bisschen Trotz im Ton. Aber es stimmt ja. Birgit Fischer, mit der sie zusammen 2000 in Sydney mit gerade mal 21 Jahren ihr erstes Olympia-Gold gewonnen hatte, hat ihre Karriere auch erst mit Mitte 40 beendet. „Und außerdem“, sagt der Oberfeldwebel Katrin Wagner-Augustin, „macht es mir noch wahnsinnig Spaß und ich werde von der Bundeswehr ja gewissermaßen für mein Hobby bezahlt.“ Kein Grund also, jetzt schon unnötige Gedanken ans Ende zu verschwenden. Ulrich Hartmann

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