Sport : Mysteriös und gefürchtet

Über Nordkoreas Fußballerinnen ist wenig bekannt – aber sie zählen zu den WM-Favoriten

Harald Maass[Peking]

Nordkorea ist ein geheimnisumwittertes Land. Die 23 Millionen Menschen leben seit einem halben Jahrhundert unter einem bizarren Führerkult, abgeschottet vom Rest der Welt. Nur selten dürfen Reisende oder Journalisten das ausgehungerte Land besuchen. Ausländer und Diplomaten werden auf Schritt und Tritt von staatlichen Aufpassern überwacht. Nordkorea ist der einzige Staat der Erde, an dessen Spitze formal ein Toter steht. Der Diktator Kim Il Sung wurde nach seinem Tod 1994 postum zum „Ewigen Präsidenten“ erklärt.

Große Sportereignisse gehören deshalb zu den seltenen Gelegenheiten, mehr über das Land zu erfahren. Bei der Frauen-Fußball-WM in China ist das Interesse diesmal besonders groß. Nach einer beeindruckenden Leistung in den Gruppenspielen, bei denen die Nordkoreanerinnen dem Favoriten USA ein Unentschieden (2:2) abrangen und Afrikameister Nigeria problemlos (2:0) besiegten, sind sie für viele der Geheimfavorit dieser WM. Im Team von Titelverteidiger Deutschland, das am Samstag im Viertelfinale auf Nordkorea trifft, herrscht vor dem Spiel ein Mischung aus Ungewissheit und Nervosität.

„Die USA wären mir lieber gewesen, sie liegen uns besser“, sagt Trainerin Silvia Neid. Spätestens seit Nordkorea im vergangenen Jahr die U-20-Weltmeisterschaft gewann, sind die Asiatinnen wegen ihrer Kampfstärke und Athletik gefürchtet. „Nordkorea ist ein unheimlich starker Gegner. Wir haben sie immer zu den Favoriten gezählt“, sagt Neid. Dass die Nordkoreanerinnen im letzten Gruppenspiel gegen Schweden unterlagen (1:2) und nur durch das bessere Torverhältnis ins Viertelfinale vorrückten, ist für die deutschen Fußballerinnen kaum beruhigend. „Technisch gut, robust, diszipliniert und schussstark“ sei diese Mannschaft, sagt Mittelfeldspielerin Fatmire Bajramaj, die bei der Junioren-WM 2006 mit dem deutschen Team 1:3 gegen Nordkorea verlor.

Über das Team ist kaum etwas bekannt, und vermutlich ist es auch deshalb so gefürchtet. Nordkoreanische Mannschaften nehmen nur selten an Freundschaftsspielen und internationalen Wettkämpfen teil. Es ist nicht einmal sicher, ob es in dem stalinistischen Land eine reguläre Frauenliga gibt. Laut der offiziellen Liste des Weltverbands Fifa stammen 11 der 22 Spielerinnen im Kader aus einem Verein, der „Sportgruppe 25. April“ in der Küstenstadt Nampo – benannt nach dem Gründungstag der nordkoreanischen Volksarmee. Eine von ihnen ist Ri Kum Suk, der Star im nordkoreanischen Team. Die 29 Jahre alte Stürmerin ist wegen ihrer Schussgewalt und manchmal rücksichtslosen Durchsetzungskraft gefürchtet. Für zusätzliche Dynamik sorgen drei gerade erst 15 Jahre alte Mädchen: Yun Song Mi, Ho Yun Byol und Yun Hyon Hi. Die Letztere ist 1,96 Meter groß und Torhüterin.

An Motivation mangelt es den Nordkoreanerinnen sicher nicht. Als das Team 2006 in der Qualifikation dem Erzrivalen China unterlag, attackierten einige Spielerinnen den Schiedsrichter und warfen Flaschen in Richtung der Fans.

Sport ist einer der wenigen Bereiche, in denen das international geächtete Regime in Pjöngjang sein Ansehen aufbessern kann. Sieger werden in Nordkorea von dem „Geliebten Führer“ Kim Jong Il mit Geschenken überhäuft. Verlierern droht in dem Land, in dem Zehntausende in Arbeitslagern schmachten, dagegen Ungemach.

Die Nordkoreaner geben sich kampfbereit. „Wir werden alles tun, um gegen Deutschland zu gewinnen“, kündigte Trainer Kim Kwang Min an und zählte auf, was er für die typischen Tugenden seiner Landsleute hält. „Wir Koreaner sind klein und gedrungen, aber wir haben kraftvolle, kompakte Muskeln an unseren Beinen. Damit können wir viel Energie entwickeln.“ Das Ziel für ihr Team sei allein der Turniersieg, sagt Spielführerin Ri Kum Suk: „Wir hatten Erfolg in Asien. Jetzt wollen wir als eine Weltmacht anerkannt werden.“

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