Nach 1:2 gegen Wolfsburg : Ist Hertha zu abhängig von Ramos?

Die Niederlage gegen den VfL Wolfsburg hat gezeigt, dass Hertha BSC Probleme bekommt, wenn Stürmer Adrian Ramos ausnahmsweise mal kein Tor erzielt.

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Zum Haareraufen. Adrian Ramos hatte auch gegen Wolfsburg seine Chancen, traf diesmal aber nicht.
Zum Haareraufen. Adrian Ramos hatte auch gegen Wolfsburg seine Chancen, traf diesmal aber nicht.Foto: Imago

Adrian Ramos wagte einen kecken Blick, schon war es geschehen. Kurz aufgeschaut, und weg war der Ball. Statt großem Jubel über das zweite Tor gegen den VfL Wolfsburg gab es im Olympiastadion nur Eckball für Hertha BSC. „In den entscheidenden Momenten haben wir es leider verpasst, Wolfsburg zu knacken“, sagte Jos Luhukay, der Trainer des Berliner Bundesligisten, am Tag nach der 1:2- Niederlage gegen den VfL. Der Moment, als Adrian Ramos kurz aufschaute und Timm Klose ihm im Strafraum noch den Ball vom Fuß spitzelte, war ein solcher. Und es war nicht der einzige für Ramos.

Schon in der ersten Hälfte hatte sich der Stürmer einmal in aussichtsreicher Position wiedergefunden. Doch sein kunstvoller Heber über Diego Benaglio flog auch über das Wolfsburger Tor hinweg. In solchen Situationen vermisste Luhukay „die letzte Zielstrebigkeit“ bei seiner Mannschaft. „Die Effizienz bei Wolfsburg war höher“, sagte er. Zweimal brachten die Gäste den Ball in der zweiten Halbzeit auf das Berliner Tor, das reichte dem VfL zu zwei Treffern und einem 2:1-Sieg.

Im Grunde unterschied sich das Spiel gegen Wolfsburg kaum von dem, das die Berliner eine Woche zuvor beim Hamburger SV abgeliefert und 3:0 gewonnen hatten. Hertha überließ dem VfL bewusst die Initiative, ohne in arge Bedrängnis zu geraten, und schaltete bei Ballgewinn entschlossen um. „Der Unterschied ist, dass Adrian nicht trifft“, sagte Jos Luhukay.

Ramos schießt so gut wie keine unwichtigen Tore

Der Kolumbianer ist so etwas wie Herthas Sonderbeauftragter in Sachen Zielstrebigkeit. Mit vierzehn Treffern führt er die Torschützenliste der Fußball-Bundesliga an. Doch es ist nicht nur die schiere Masse, es ist auch die besondere Qualität seiner Treffer. Ramos schießt so gut wie keine unwichtigen Tore. Schon acht Mal erzielte er das erste Tor für die Berliner, weitere drei Mal bereitete er ihr erstes Tor vor. Dazu kommt je ein Führungs- und ein Siegtreffer. „Wenn Adrian trifft, sind wir normalerweise auf der Siegerstraße“, sagt Jos Luhukay. „Aber Adrian ist auch ein normaler Mensch, der nicht immer den Unterschied für uns machen kann.“

Es ist natürlich paradox, dass der 28- Jährige, zumindest indirekt, für die Niederlage gegen Wolfsburg in Haftung genommen wurde – weil es inzwischen schon als anormal gilt, wenn Ramos nicht trifft. Mit vierzehn Treffern und fünf Vorlagen war der Kolumbianer an 60 Prozent aller Berliner Tore beteiligt. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass Herthas Erfolg in hohem Maße von Ramos abhängt. Aber es ist keine gefährliche Abhängigkeit, wie sie die Berliner Anfang des Jahrtausends schon einmal mit dem Brasilianer Marcelinho erlebt haben. Luhukays System funktioniert bis zu einem gewissen Maße personenunabhängig. Ramos ist anders als Marcelinho nicht der Spielmacher, an dessen Tun alles hängt; aber er besitzt als Vollstrecker eine wichtige Funktion für das Fortkommen der Mannschaft. Er durchbricht gewissermaßen die Grenzen des Systems.

Dass Ramos bei Hertha bleibt, ist unwahrscheinlich

Auch deshalb sagt Jos Luhukay: „Aus sportlicher Sicht würde ich Adrian sehr gern behalten. Und solange es nichts Konkretes gibt, habe ich die Hoffnung, dass er minimal bis 2015 bleibt.“ Dass Ramos Herthas Angebot für eine Vertragsverlängerung über 2015 annimmt, gilt als nahezu ausgeschlossen; angesichts des Interesses von Borussia Dortmund ist es sogar unwahrscheinlich, dass er seinen aktuellen Vertrag erfüllt. Natürlich könnten die Berliner theoretisch darauf bestehen, dass Ramos noch eine Saison bleibt; dafür müssten sie auf eine Ablöse verzichten, die wohl neuer Vereinsrekord wäre.

Manager Michael Preetz hat diese Variante zumindest nicht ausgeschlossen. Jos Luhukay hält sie hingegen für wenig realistisch. „Es geht nicht allein um Geld“, sagt er. „Es geht auch um die sportliche Situation.“ Wenn sich ein Topverein ernsthaft um den Kolumbianer bemüht, „wird es natürlich schwer“. Hertha könne Ramos nun mal nicht mit der Champions League oder der Aussicht auf den Meistertitel locken. Im Gegenteil: Eigentlich kann Hertha – trotz neuem Anteilseigner – nicht auf die Millionenablöse verzichten. „Es gibt Vereine, die jedes Jahr ein oder zwei Transfers realisieren müssen, um sich mit dem Erlös wieder besser aufzustellen“, sagt Luhukay. Hertha gehört nach wie vor dazu.

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