Nach Capellos Rücktritt : England: Psycho übernimmt

Nach dem Bruch mit Capello betreut vorerst dessen einstiger Assistent Pearce die englische Nationalelf - wohl nur als Platzhalter, denn Tottenhams Trainer Redknapp gilt als heißester Kandidat.

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übernimmt vorerst das Traineramt: Stuart Pearce, genannt "Psycho", zuvor Assistent von Fabio Capello.
übernimmt vorerst das Traineramt: Stuart Pearce, genannt "Psycho", zuvor Assistent von Fabio Capello.Foto:AFP

Fabio Capello war früh aufgestanden, aber nicht früh genug, um dem fröstelnden Pulk von Fotografen vor seiner Wohnung im Diplomatenviertel Belgravia zu entkommen. Ein stiller Abschied im Blitzlichtgewitter vor Sonnenaufgang: Es waren Bilder, wie man sie auf der Insel von gestürzten Politikern kennt, eine Erinnerung daran, dass ein englischer Nationaltrainer nach dem Volksempfinden ein Amt im öffentlichen Dienst bekleidet. So gesehen war es ganz natürlich, dass auch Premier Minister David Cameron dem scheidenden 65-Jährigen ein paar lauwarme Worte hinterherwarf. „Es tut mir Leid für Fabio, er war ein guter Mann und ein guter Trainer“, sagte Cameron während eines Staatsbesuchs (oder eines Scouting-Trips?) in Schweden, einem der EM-Vorrunden-Gegner. „Aber er lag in der Sache John Terry falsch: Man kann nicht Kapitän sein, wenn da ein so großes Fragezeichen steht.“

Die große, passende Antwort zu dieser Causa gibt es erst im Juli, wenn die Rassismus-Anklage gegen Chelseas Verteidiger vor Gericht verhandelt wird. Verband und Capello waren nach der „völlig überraschenden Verschiebung“ des Prozesses (Football-Association-Präsident David Bernstein) durch Richter Howard Riddle am vergangenen Donnerstag in die Bredouille gekommen, prinzipiell Stellung beziehen zu müssen. Der von Bernsteins Entscheid gegen Terry vor vollendete Tatsachen gestellte Italiener klammerte sich – aus sportlich-pragmatischen Gründen – an das Unschuldsprinzip und unterschätzte dabei wiederholt die hohen ethischen Ansprüche, die der Verband an seinen Spielführer stellt. Mit der „totemischen Natur des Armbands“, die Bernstein auf der Pressekonferenz gestern beschwor, konnte der Ergebnisfetischist aus dem Friaul nie etwas anfangen.

Nach Capellos explosiven Interview im italienischen Staatssender RAI („Ich bin absolut nicht einverstanden mit der Entscheidung des Verbandes“) sollte ein Treffen am Mittwoch die Wogen glätten; der Trainer weigerte sich dabei jedoch, sich bei seinen Arbeitgebern für den öffentlichen Widerspruch zu entschuldigen. Beim Verband sah man sich vor den Kopf gestoßen.

„Eine Trennung ohne Reue auf beiden Seiten“, nannte der „Guardian“ das frühzeitige Ende der Amtszeit, denn Capello hatte es sicher nicht im Affekt auf den Bruch angelegt. Der vor seinem Amtsantritt als internationale Koryphäe geschätzte Trainer dürfte kalkuliert haben, dass seiner durch die verkorkste Weltmeisterschaft angegriffenen Aura in Polen und der Ukraine weitere Gefahr drohte. Er wäre, durch Bernstein seiner Autorität beraubt, mit einer von der Rassismus-Problematik unter Spannung gestellten Truppe nach Osteuropa gefahren. Wer weiß, ob die nun kolportierten Anfragen aus der Serie A und Russland für Capello nach dem Turnier ebenfalls so zahlreich bei seinem Sohn und Anwalt Pierfilippo eingegangen wären. Finanziell dürften sich die Einbußen für die letzten vier Monate seines Vertrages im Rahmen halten. Bernstein ließ offen, ob der bestbezahlte Nationaltrainer der Welt (7,2 Millionen Euro jährlich) London mit einer Abfindung verließ.

Wenn es nach den Wünschen der Presse und der breiten Öffentlichkeit geht, übernimmt Tottenhams Trainer Harry Redknapp das Amt. Der 64-Jährige sagte, er habe diese Möglichkeit „noch gar nicht in Betracht gezogen“. In der Zwischenzeit soll Capellos früherer Assistent Stuart Pearce die Mannschaft für das Testspiel gegen die Niederlande (29. Februar) kommissarisch betreuen. Pearce, 49, der Englands talentierte U-21-Auswahl im vergangenen Sommer zielsicher zum EM-Vorrunden-Aus coachte, ist als Erzengländer (Dauergrätscher, Nationalspieler, Elfmeterverschießer) die natürliche Wahl in der Not, auch weil sein Spitzname die Gemütsverfassung des Fußballlandes in diesen Tagen exakt auf den Punkt bringt. Psycho.

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