Nach Champions-League-Aus : Real Madrid: Dorn im Herzen

Real Madrids überdrehtes Fußball-Projekt scheitert erneut im Achtelfinale der Champions League.

Julia Macher[Madrid]
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Szene einer Niederlage. Real Madrids Spieler Cristiano Ronaldo ist nach dem Ausscheiden enttäuscht. -Foto: AFP

Man hätte sich für einen Moment Florentino Perez in den Pressesaal des Santiago-Bernabeu-Stadions gewünscht. Es wäre bestimmt interessant gewesen, wie der Präsident das Ausscheiden seiner Mannschaft aus der Champions League nach dem 1:1 gegen Olympique Lyon (0:1 im Hinspiel) erklärt hätte. Doch Perez verschwand nach dem Abpfiff blitzschnell von der Tribüne, und so musste Coach Manuel Pellegrini allein das megalomanische Projekt seines Präsidenten verteidigen: „Etwas so Großes lässt sich nicht abschließend nach sechs Monaten bewerten.“ Das war, nun ja, ein halbherziger Versuch. Denn dass Real Madrid am Mittwoch zum sechsten Mal in Folge im Achtelfinale der Champions League ausgeschieden ist, ist ein Debakel für den anspruchsvollen Klub – und eine Bankrotterklärung.

Wer vor der Saison 252 Millionen Euro für Neuzugänge ausgibt, kann es sich nicht leisten, gegen einen Champions-League-Klub der gehobenen Mittelklasse auszuscheiden. Noch dazu, wenn es zu den erklärten Saisonzielen gehörte, Real Madrid nicht nur durch Trikotverkauf, sondern auch durch sportliche Erfolge wieder zu internationalem Renommee zu verhelfen. Weder Bernd Schusters Blitz-Fußball noch Fabio Capellos ergebnisorientierte Spielweise hatten zuletzt in internationalen Wettbewerben gefruchtet. Die einflussreiche Sportzeitung „Marca“ dreht zwar schon am Trainerkarussell und titelte „Adiós Champions, adiós Pellegrini!“, aber langsam setzt sich auch in der Führungsetage des spanischen Rekordmeisters die Einsicht durch, dass am regelmäßigen Scheitern nicht allein der Trainer schuld sein kann. „Ich glaube, dass Pellegrini auch in der kommenden Saison unser Trainer sein wird“, sagte Real Madrids Sportdirektor Jorge Valdano. „Wir müssen Mäßigung walten lassen und dürfen auch durch schwere Niederlagen nicht aus dem Gleichgewicht geraten.“ Der stille chilenische Coach, der mit seinen Transferwünschen immer wieder an Perez’ Superstar-Projekten gescheitert war und Flügelspieler wie Wesley Sneijder gerne behalten hätte, hatte Real vergangene Woche an die Spitze der spanischen Liga geführt und war für das offensiv überzeugende Spiel gegen den FC Sevilla mit Lobeshymnen überhäuft worden.

Auch gegen Olympique Lyon hatte Real Madrid in der ersten Halbzeit auf hohes Tempo und konstanten Druck gesetzt. Nachdem ein kämpferischer Cristiano Ronaldo die Mannschaft nach einem Bilderbuchpass von Guti in Führung gebracht hatte, erspielte sich Real in der ersten Halbzeit zahlreiche gute Torchancen; am unglücklichsten scheiterte dabei der Argentinier Gonzalo Higuain, der allein vor dem leeren Tor stand und dennoch nur den Pfosten traf. Ein gut organisiertes Lyoner Mittelfeld und der Ausgleichstreffer von Miralem Pjanic reichte, um Reals Superstars zu neutralisieren. Die Crux der Königlichen ist, dass Real im Guten wie im Schlechten zu sehr von der Leistung einzelner Spieler abhängt. Ausgerechnet Routinier Guti, der durch seine zwischen Genialität und Verweigerung schwankende Leistung als Symbolfigur des aktuellen Reals gelten kann, brachte es auf den Punkt: „Wir müssen mehr als Mannschaft spielen und weniger als Einzelkämpfer.“ Torwart Iker Casillas erging sich am Tag danach in rituellen Entschuldigungen. „Wir hoffen, dass wir uns mit dem Meistertitel diesen Dorn aus dem Herzen ziehen können.“ Zweckoptimismus ist Madrids letzte Hoffnung. Schlimmer könnte es in der Champions League nur noch kommen, wenn Erzrivale FC Barcelona im Finale am 22. Mai im Bernabeu-Stadion von Madrid den Pokal in die Höhe stemmen würde.

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