Nach dem Aufstieg : Hertha spielt wieder für Berlin

Hertha BSC wollte sich lange größer machen als die Stadt. Nun hat der Bundesliga-Aufsteiger zu sich gefunden – ein Essay.

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Kurvenstars. Hertha umgarnt den eigenen Anhang mehr als früher: Die Mannschaft feiert nach Spielen mit der Ostkurve, die Bosse loben die Fans über den blau-weißen Klee. Foto: dpa Foto: dpa
Kurvenstars. Hertha umgarnt den eigenen Anhang mehr als früher: Die Mannschaft feiert nach Spielen mit der Ostkurve, die Bosse...Foto: dpa

Hertha BSC ist wieder da. In der Bundesliga und im Bewusstsein. Die Berlin zugeneigte Allgemeinheit saß am Montagabend im Duisburger Stadion, sie sang zwei Stunden lang lokalpatriotische Lieder und erfreute sich an selbst entfachten Feuern, die den Namen der indischen Provinz Bengalen tragen. Ein paar Duisburger waren wohl auch zugegen, zu hören war von ihnen nichts, dafür waren die Berliner einfach zu laut.

Na und? So ist eben Berlin, so ist eben Hertha BSC, und beides ist irgendwie wieder eines.

Vor ein paar Wochen kamen 70 000 Zuschauer zu Herthas Spiel gegen Paderborn ins Olympiastadion, im nächsten immerhin 50 000 gegen Osnabrück. Heute werden gut 70 000 Berliner gegen 1860 München den Aufstieg feiern, danach wollen die Fans den Kurfürstendamm in blau-weiße Fahnen tauchen. Das letzte Heimspiel in der Zweiten Liga gegen den wahrscheinlichen Mitaufsteiger Augsburg ist trotz Zusatztribünen längst ausverkauft. Das sind beeindruckende Zahlen gegen unscheinbare Gegner, aber das eigentlich Beeindruckende ist die Botschaft dahinter. Hertha hat sich mit Berlin versöhnt und wieder einen Platz gefunden im emotionalen Entscheidungszentrum der so schwer zugänglichen Stadt.

Erst in der Zweitklassigkeit hat es Hertha geschafft, zum Verein für die gesamte Stadt zu werden, mit Fans im Westen wie im Osten. Der 1. FC Union ist keine geografische Alternative, sondern eine philosophische. Wer Fußball ohne das Schickimicki-Beiwerk der Eventkultur erleben will, wird sich weiter in der Alten Försterei besser aufgehoben fühlen als unter der Dauerwerbebeschallung im Olympiastadion. Und die in den letzten zwei Jahrzehnten aus Dortmund und Köln, aus München und Bremen zugewanderten Neu-Berliner werden sich mit Hertha nur als Zweitverein anfreunden können. Aber immerhin, diese Chance ist jetzt da.

Das war nicht mal der legendären Mannschaft der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre vergönnt, die sechsmal hintereinander im Finale um die Meisterschaft stand. Hertha stand damals nicht für Berlin, sondern für die proletarisch geprägten Arbeiterbezirke rund um die Innenstadt. Die feinen Kreise hielten es mit Tennis Borussia, und im Südosten herrschte wie heute Union, damals mit dem Namenszusatz Oberschöneweide.

Einen gesamtberliner Verein hat es nie gegeben, konnte es wohl auch nicht in einer Stadt, die 1920 zusammengeschustert worden war aus sieben Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken. Dass Hertha in den Dreißigern auch als zweifacher Deutscher Meister weiter im kleinen Stadion am Gesundbrunnen spielte, hatte neben aller Heimeligkeit auch wirtschaftliche Gründe. Für ein größeres Publikum, das auch das neue Olympiastadion gefüllt hätte, war der Klub nicht attraktiv und nicht repräsentativ genug.

Heute weiß man, dass Hertha zu Unrecht als Günstling der braunen Machthaber verdächtigt wurde. Und doch trug der Klub schwer am Makel der frühen Prominenz. Nach dem Krieg stellte nicht Hertha BSC, sondern Tasmania 1900 die beste Berliner Mannschaft in der Halbstadt West-Berlin. Beide standen sie im Schatten der östlichen Konkurrenz vom FC Vorwärts, der die noch zuweilen stattfindenden Ost-West-Duelle dominierte. Die beste Berliner Mannschaft vor dem Mauerbau, auch das ist eine Wahrheit, spielte politisch ganz unkorrekt im Osten.

Die Zulassung zur Bundesliga ergaunerte sich Hertha 1963 unter der Verschleierung der immensen Klubschulden. Eigentlich hätte Tasmania der Berliner Platz gebührt. Zwei Jahre später schloss der DFB Hertha wegen betrügerischer Machenschaften aus. Nach dem Wiederaufstieg spielte der Klub ein paar Jahre oben mit, verscherzte sich aber durch seine Verwicklung in den Bundesligaskandal die Sympathien. In diesem Stil ging es weiter. Mitte der Siebziger konnte das Präsidium nur durch Hinterzimmer-Kungeleien mit dem Senat den Konkurs abwenden, dieses Mal wirklich als politischer Günstling. Hertha verkaufte sich in einem Geheimvertrag an den Axel-Springer-Verlag, stieg zweimal aus der Bundesliga ab und verschleuderte auch die Aufbruchstimmung der ersten Wendejahre, als die Ost-Berliner Nationalspieler nicht gut genug waren für den Klub der alten Frontstadt.

Mit jedem Jahr, jeder Instinktlosigkeit und jedem Skandälchen entfremdete sich Hertha ein Stück weiter von der Basis. Vielleicht würde es den Verein heute gar nicht mehr geben ohne den Regierungsumzug und den damit einhergehenden Zuwachs an Bedeutung für Berlin. Noch Mitte der Neunziger spielte Hertha in der Zweiten Liga gegen den Abstieg, und auch den Neuanfang mit den Millionen des Rechteverwerters Ufa verfolgte das zu oft enttäuschte Publikum eher skeptisch. Eine Aufstiegseuphorie, wie sie Hertha zuletzt eine ganze Saison hindurch begleitete, kam erst im vorentscheidenden Spiel gegen den späteren Mitaufsteiger Kaiserslautern auf, als 75 000 Fans ins Olympiastadion kamen.

Über Dieter Hoeneß ist in der jüngsten Vergangenheit viel Schlechtes gesagt worden. Die Bilanz seines späten Misserfolgs unterschlägt, dass Hoeneß als Architekt der ersten Bundesligajahre der neuen Hertha vieles richtig machte. Der frühe Hoeneß warb gezielt für die Rückkehr aus Berlin und der Umgebung abgewanderter Spieler, zunächst Darius Wosz, Andreas Thom und René Tretschok, später Stefan Beinlich und Marko Rehmer. Sie hoben das sportliche Niveau und waren mit ihren östlich gefärbten Biografien Beleg dafür, dass der Klub nicht bedingungslos versuchte, einen Platz einzunehmen, der ihm eigentlich nicht zustand.

Der Erfolg kam dann zu schnell und zu wuchtig daher, und er verführte Hoeneß dazu, mehr zu wollen, als einer nachhaltigen Entwicklung förderlich gewesen wäre. Als Hoeneß mit einer Verpflichtung des Weltstars Arsène Wenger für den Trainerposten kokettierte, stand das für die Hybris eines Start-up-Unternehmens am Neuen Fußballmarkt. Hertha orientierte sich nicht mehr an Mönchengladbach oder Bremen, sondern an Manchester und Barcelona. Das wäre zu verkraften gewesen, hätte es sich dabei nur um eine sportliche Strategie gehandelt und nicht um eine alle Bereiche umfassende Ausrichtung. Der Verein versäumte es, die Basis mitzunehmen auf dem Weg in die globalisierte Fußballwelt. Die Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien warb mit schicken Hochglanzprospekten um betuchte Eventfans in den Vip-Logen. Der aufmüpfigen Kundschaft aus der Ostkurve sperrte die Geschäftsführung die Chat-Plattform auf der klubeigenen Homepage.

Ob Barca und Real, Liverpool oder Milan – kein Klub macht sich größer als die Stadt, aus der er kommt. Auch der deutsche Branchenführer FC Bayern funktioniert nur durch seine Anbindung an München, dokumentiert durch die immergleichen Fotos mit Weißbiergläser schwingenden Fußballern in Lederhosen und die bis zum Erbrechen zitierte „Mia san mia“-Philosophie. Hertha aber war Berlin auf einmal zu klein, zu piefig. Der Klub definierte sich als Global Player und auf dem Rasen als ein Stück exterritoriales Brasilien.

Mit jeder Million, die Dieter Hoeneß in die Weltläufigkeit investierte, entfernte sich Hertha von Berlin. Das war eine doppelt unglückliche Strategie, weil Hertha die vielen schönen Millionen gar nicht gehörten. Wirtschaftlich war der Klub schon vor ein paar Jahren am Ende, der sportliche Abstieg kam mit Verzögerung 2010. Es gehört zu den schwer ergründlichen Geheimnissen des Fußballs, dass Hertha ausgerechnet in der Konsequenz der Verfehlungen der vergangenen Jahre die Zuneigung der Basis zurückgewann.

Die aktive Beteiligung des Klubs daran reduzierte sich zunächst auf die Selbstverständlichkeit, den Abstieg nicht tatenlos hinzunehmen. Dieser wütende Kampf eines hoffnungslos abgeschlagenen Don Quichottes gegen die Windmühlenräder der Bundesliga, er rührte die Fußballfans im Olympiastadion, die eben doch nicht ganz vergessen hatten, dass diese Mannschaft ein Jahr zuvor fast Meister geworden wäre. In diesem Abstiegsjahr wurde deutlich, dass Herthas Basis in der Stadt und im Brandenburger Umland weit hinausging über die paar tausend Eventfans, die nur zu Tabellenführerzeiten kommen oder wenn es gegen die Bayern geht.

Jede Wahrheit braucht eine Situation, die sie an den Tag bringt. Vielen, die sich vorher lustig gemacht hatten über die Hauptstadt des Schönwetterfußballs, ging erst im sportlichen Niedergang auf, dass die Ostkurve mehr ist als ein Bereich des Stadions, in dem ein paar Fahnen mehr hängen als anderswo.

Es war beinahe so wie bei Eishockeyspielen der Eisbären in den frühen Neunzigern, als ein Publikum seine Liebe zu einem hoffnungslos unterlegenen Prügelknaben entdeckte. Hertha gewann in der Abstiegssaison nur ein Heimspiel, aber mit jeder Niederlage wuchs das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen denen da unten auf dem Rasen und denen da oben in der Kurve – scheinbar unterbrochen nur beim Spiel gegen Nürnberg, als Fans den Platz stürmten und die Trainerbank zertrümmerten. Die Aktion richtete sich aber nicht gegen Herthas Spieler, sondern diente eher dem Schmerzabbau. Auch am bitteren Ende blieb die Zuneigung. Hertha hat es verstanden, die neue Beziehung zwischen Mannschaft und Publikum in die Zweite Liga zu nehmen. Und sie umzudrehen in das naheliegende Vergnügen, auch Siege gemeinsam zu genießen, sie waren in der Zweitklassigkeit ein wenig leichter zu feiern.

Manager Michael Preetz und Trainer Markus Babbel versäumen es nie mehr, die Fans über den blau-weißen Klee zu loben. Und dass die Spieler nach der Arbeit auf dem Rasen noch ein Viertelstündchen vor der Ostkurve verweilen, ist längst lieb gewonnenes Pflichtprogramm geworden. Heute gegen 1860 München, demnächst wieder gegen Bayern und Dortmund.

Hertha BSC ist wieder da und doch anders als je zuvor.

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