Nach dem Bundesliga-Spitzenspiel beim BVB : Hertha BSC ist furchtbar erfolgreich

Hertha BSC bringt Borussia Dortmund und dessen Trainer Thomas Tuchel mit seiner giftigen Spielweise zur Verzweiflung. "Während des Spiels gibt es keine Freundschaft", sagt Hertha-Coach Pal Dardai.

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Ist das Kunst oder kann das weg? Valentin Stocker und Hertha BSC spielten gegen Julian Weigls Dortmunder nicht immer schön, aber dafür zielführend. Foto: dpa/Kusch
Ist das Kunst oder kann das weg? Valentin Stocker und Hertha BSC spielten gegen Julian Weigls Dortmunder nicht immer schön, aber...Foto: dpa

Pal Dardai ist immer mal wieder für die Erweiterung des gängigen Fußballsprachschatzes gut. Vor ein paar Wochen etwa attestierte der Trainer von Hertha BSC seinem Neuzugang Alexander Esswein eine „internationale Muskulatur“, und niemand wusste so recht, was das nun bedeuten sollte. Am Freitagabend, nach dem 1:1-Unentschieden bei Borussia Dortmund, verhielt sich das ganz anders, obgleich der Trainer von Hertha BSC gerade die nächste Wortschöpfung vollbracht hatte. „Richtigen Männerfußball“ habe er gesehen, sagte Dardai, „viele Zweikämpfe, viel Action, ein paar Grätschen“. Also Fußball, wie ihn Dardai als Profi einst selbst und in formvollendeter Giftigkeit auf den Platz brachte und bis heute von seinem Team einfordert. „Mir hat sehr gut gefallen, was ich gesehen habe“, betonte der Ungar am Samstagmittag beim Auslaufen seiner Profis.

Aus Dortmunder Sicht traf das nur bedingt zu, die Westfalen müssen Erlebnis und Ergebnis als ziemlich furchtbar empfunden haben – weil die Partie quasi die Fortsetzung jener Kontroverse mit fußballerischen Mitteln war, die BVB-Coach Thomas Tuchel vor dem Spitzenspiel erneut angestoßen hatte. Auch nach der bisweilen überharten Schlussphase mit zwei Roten Karten gegen den Dortmunder Emre Mor und Herthas Valentin Stocker flammte die Debatte wieder auf. Im Kern ging es darum, dass Tuchels Team nicht nur überharte, sondern vor allem sehr viel mehr Fouls gegen sich hinnehmen muss als andere Bundesligisten, so die Deutung des Trainers. Und obwohl ihm die Statistik auch am Freitag recht gab – Hertha leistete sich 22 Fouls, der BVB nur 13 – reagierte Tuchel im Anschluss an die Begegnung erstaunlich dünnhäutig. Ob es denn jetzt nicht langsam mal gut sei mit der Debatte, fragte er einen Fernsehreporter. War es natürlich nicht.

Wenn man so will, hatte Herthas Mannschaft genau das mit Tuchel getan, was ihr vorher auch mit dessen Team gelungen war: es komplett zu entnerven. Wie aufgebracht und emotional aufgeladen die Dortmunder waren, zeigte sich auch an Mors (vermeintlicher) Tätlichkeit gegen Sebastian Langkamp. Herthas Innenverteidiger jedenfalls entschuldigte sich später und räumte ein, dass er nach dem leichten Rempler des kleinen Türken wohl zu theatralisch gefallen sei. Trotzdem spielte die Aktion in der Retrospektive eher den Berlinern in die Karten.

Wie das Remis am Ende zustande kam, darüber wollte Dardai keine Grundsatzdiskussion führen

Und überhaupt: Ließ sich diese Aktion nicht auch als eine Form neuer Cleverness im Berliner Lager deuten? „Ich habe den Jungs vorher in der Kabine gesagt, dass unser Können für einen Punkt in Dortmund reicht“, berichtete Dardai tags darauf, „und sie haben gezeigt, dass das stimmt.“ Wie das Remis am Ende zustande kam, darüber wollte der Coach allerdings keine Grundsatzdiskussion führen. „Während des Spiels gibt es keine Freundschaft, so ist das im Profisport: Es geht um Punkte und Existenzen. Davor und danach können wir uns die Hand geben, und das haben wir ja auch getan“, sagte Dardai zu seinen Meinungsverschiedenheiten mit Tuchel. Grundsätzlich, ergänzte Dardai, sei er „froh, dass wir die richtige Aggressivität in ein Auswärtsspiel bei einem Gegner mitgenommen haben, der sonst gegen Real Madrid spielt. Da waren wir letztes Jahr noch zu brav.“ Auf eine Erkenntnis legte er zudem gesteigerten Wert, nämlich „dass wir zu keinem Zeitpunkt unfair waren“. Abgesehen vielleicht von Valentin Stocker, dem Torschützen zum 0:1, der seinen starken Abend allerdings selbst ein wenig zunichte machte, mit eben jener eingesprungenen Grätsche gegen Matthias Ginter, die zum Platzverweis führte. „Vali war ein wenig übermotiviert. Ich habe in der Schlussphase mehrfach überlegt, ob ich ihn auswechseln soll“, sagte Dardai, „ich hätte es besser machen sollen.“

Stockers Foul sorgte noch einmal für mächtig Unmut auf der Dortmunder Bank und unter den knapp 80.000 der Borussia zugeneigten Fans. Am Ende konnte den Berlinern der Ärger beim Gegner aber komplett egal sein angesichts ihrer geradezu unglaublichen Statistik in der laufenden Saison: In ihren bisherigen sieben Bundesliga-Spielen hat die Hertha mit Ausnahme des Gastspiels beim FC Bayern immer gepunktet, meistens sogar dreifach – und nun auch bei einem Gegner, der gemeinhin wesentlich höher eingestuft wird als die Berliner. Fairnesshalber räumte Dardai aber auch ein, dass seinem Kollegen Thomas Tuchel viele verletzte Stars fehlten. „Keine Ahnung, wie es sonst ausgeht“, sagte Dardai.

So oder so wartet am kommenden Samstag der Lohn des Erreichten auf Hertha BSC. Dann bestreiten die Berliner bereits das dritte Spitzenspiel der noch jungen Saison – gegen den 1. FC Köln.

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