Nach dem Desaster : Schwimmcoach Madsen: „Wir brauchen mehr Härte“

Im Interview mit Tagesspiegel Online spricht Chefcoach Örjan Madsen über Mängel im deutschen Schwimmsystem.

Peking 2008 - Schwimmen - Madsen
Wo ist der Erfolg? Örjan Madsen, 62, ist sei März 2006 Sportdirektor und Cheftrainer des Deutschen Schwimmverbands.Foto: dpa

Paul Biedermann wäre gerne Profi, warum ist das in Deutschland nicht möglich?


Wenn man Vollprofi sein will, muss man davon leben können. Das gelingt im Schwimmen aber nur wenigen Athleten. Aber ich denke, dass er ein System wie in den USA meint.

Was machen die Amerikaner besser?

Dort kann man Ausbildung und Schwimmen im Universitätssystem sehr gut kombinieren. Dort hat man phantastische Trainingsbedingungen und -partner und bekommt ein Stipendium, um trainieren zu können.

Biedermann fehlen Sponsoren. Weil der Stellenwert des Schwimmens zu gering ist in Deutschland?

Ich denke schon.

Erklärt die fehlende Professionalisierung allein den wachsenden Rückstand Deutschlands zu den anderen Nationen?

Es muss in Deutschland von Anfang an möglich sein, so zu trainieren wie die Weltspitze. Schulsystem und Ausbildung müssen angepasst werden. Und wir Trainer müssen sehen, was Australier und Amerikaner machen.

Und die weiteren Gründe?

Man muss eine Strategie haben, die durchgesetzt werden kann. Ein Sportdirektor oder Cheftrainer muss die Möglichkeit haben, zu sagen, das und das machen wir, und die zehn Trainer sind verpflichtet, das zu machen.

Aber im Moment sehen wir bei Olympischen Spielen kein Strukturproblem, viele Deutsche erreichen schlicht nicht die Leistungen, die sie 2008 schon gebracht haben.

Auch das hat mit dem System zu tun. Was wir hier sehen, sind die Symptome, die Ursachen liegen viel weiter zurück, in der Kultur der Trainingsgruppe etwa. Wir müssen viel mehr internationale Wettkämpfe machen. Dadurch gewinnt man Härte und Einstellung, die notwendig ist, um mit einem Druck wie bei Olympischen Spielen umzugehen. Also muss das ein Teil des Systems werden.

Über 4x100-Meter-Freistil lagen gleich fünf Staffeln unter der Weltrekordzeit. Warum sind so viele Länder so stark, das kann doch nicht nur das schnelle Olympiabecken oder vielleicht sogar Doping sein?

Sehr viele Nationen haben umfassende Erkenntnisse, wissenschaftlich unterstützte Programme und trainieren in kleineren Gruppen unter professionellen Bedingungen. Sie können sich einfach ganz auf Schwimmen konzentrieren.

Deutschland muss sich daran orientieren?

Natürlich, wir können nicht in unserem eigenen kleinen Pool herumschwimmen und so tun, als ob wir die Weisheit mit Löffeln gefressen haben.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt.

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