Sport : Nach dem Desaster

Der Deutsche Basketball-Bund betreibt EM-Nachlese

Benedikt Voigt

Stockholm. Der heutige Tag wird noch einmal besonders schwer für Henrik Dettmann. Bei der Basketball-Europameisterschaft in Stockholm steht das Finale an, doch der deutsche Bundestrainer, der momentan in Helsinki weilt und in der kommenden Woche nach Leipzig umzieht, wird davon nicht viel mitkriegen. „Im Moment habe ich keine Lust auf Basketball“, sagt der Mann, um dessen Hals an einem Kettchen ein kleines, silbernes Basketballfeld baumelt. „Wir hätten Chancen gehabt, im Endspiel zu sein.“

Es tut immer noch weh, dass es die deutsche Mannschaft bei der Europameisterschaft noch nicht einmal unter die letzten acht schaffte. Doch die sportliche Analyse des Auftretens rückt beim Deutschen Basketball-Bund (DBB) bislang in den Hintergrund, weil Vizepräsident Wolfgang Hilgert mit seinem nächtlichen, öffentlichen Auftritt in der Hotellobby ebenfalls großen Schaden verursachte. „Ich versuche im Moment, das Feuer zu löschen und auszutreten“, sagt DBB-Präsident Roland Geggus. Hilgert hatte nicht mehr ganz nüchtern mit drastischen Worten das Ende der Zusammenarbeit mit Bundestrainer Henrik Dettmann verkündet. Dabei will der DBB erst auf der Präsidiumssitzung am 19. und 20. September darüber befinden. „Die Entscheidung ist offen“, sagt Geggus. Allerdings hat Hilgert bei seinem Auftritt auch das allgemeine Meinungsbild des Präsidiums wiedergegeben, dass Dettmann bei der EM Fehler beim Coaching gemacht hätte.

Inzwischen hat sich der Vizepräsident bei Geggus und beim Bundestrainer für seinen Auftritt entschuldigt. „Er hat mich angerufen“, sagt Dettmann, „das zeigt, dass er tief drinnen ein guter Mann ist.“ Konsequenzen wird der Auftritt für Hilgert nicht haben. „Er hat einen Fehler gemacht“, sagt Geggus, „aber ich muss auch seine Gesamtbilanz sehen.“ Hilgerts Leistungen sprächen für sich. „Ich sehe es nicht ein, jemanden nach einem Fehler zu entlassen“, sagt Geggus. Das kann er bei einem vom Basketball-Bundestag gewählten Funktionär auch nicht. „Aber ich könnte ihm raten, zurückzutreten“, erklärt der Präsident, „diesen Rat gebe ich ihm nicht.“ Er selber habe auch über einen Rücktritt nachgedacht, sei aber zu dem Schluss gekommen, dass das zu voreilig wäre.

Geggus bestätigt, dass Henrik Dettmann im Vorfeld der Europameisterschaft eine Abmahnung vom Verband erhalten hat. Allerdings wehrt sich der Präsident dagegen, den Trainer im Vorfeld nicht genug unterstützt zu haben und somit der Mannschaft einen Sündenbock geliefert zu haben. „Der Bundestrainer ist mit dem Vertrauen des Präsidiums in die EM gegangen.“ Auf der anderen Seite war Dettmann innerhalb der Mannschaft bereits vor einem Jahr nach dem verlorenen Halbfinale gegen Argentinien umstritten. „Die Spieler saßen in der Kabine und hatten eine Stinkwut“, sagte Geggus. Er habe dann, um die Situation zu klären, gesagt, dass Dettmann eine zweite Chance verdient habe.

Der Trainer selber ist nicht überrascht über die Entwicklung im Umfeld. „Es ist schade, dass so etwas einen Einfluss auf die Mannschaft hat.“ Es gebe zu viele Sofa- Coaches um die Mannschaft herum. „Die haben keine Ahnung, was innerhalb einer Gruppe passiert.“ Trotzdem möchte er nicht ausschließen, irgendwann wieder als Bundestrainer zu arbeiten. „Ich bin erst 45 Jahre alt, man soll niemals nie sagen.“

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