• NACH DEM DFB-POKALFINALE IM BERLINER OLYMPIASTADION Pokalsieger und Meister sind zufrieden: Nüchtern bis zum Jubel

NACH DEM DFB-POKALFINALE IM BERLINER OLYMPIASTADION Pokalsieger und Meister sind zufrieden : Nüchtern bis zum Jubel

Raphael Schäfer verabschiedet sich mit dem Pokaltriumph vom 1. FC Nürnberg

Stefan Hermanns

Berlin - Der Fußball ist nicht nur ein wunderbares Spiel, er ist auch eine wunderbare Projektionsfläche für das Leben an sich. Albert Camus, der Schriftsteller und Philosoph, hat einmal gesagt, er verdanke alles, was er über Moral wisse, dem Fußball. Und wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glauben, dass auch der Buddhismus einen seiner wichtigsten Grundsätze dem Fußball entlehnt hat: dass nämlich alles mit allem zusammenhänge. Nur weil Andreas Wolf, der Verteidiger des 1. FC Nürnberg, sich im Pokalfinale kurz vor Ende der regulären Spielzeit an den Oberschenkel fasste, konnte Raphael Schäfer, der Torhüter des Clubs, einen unbeschwerten Abschied aus Nürnberg feiern. Mit anderen Worten: Wolfs Griff an den Oberschenkel entschied das Endspiel zugunsten des 1. FC Nürnberg.

Weil Wolf plötzlich Probleme hatte, stoppte Trainer Hans Meyer in letzter Sekunde die Einwechslung von Ivica Banovic, der für Jan Kristiansen aufs Feld hätte kommen sollen, der dann wiederum nicht das Tor zum 3:2-Endstand für die Nürnberger hätte erzielen können, wodurch das Finale gegen den VfB Stuttgart im Elfmeterschießen hätte entschieden werden müssen, wofür Meyer wohl wieder seinen Elfmeterkiller Daniel Klewer eingewechselt hätte, was nur deshalb noch möglich war, weil Banovic nicht aufs Feld gekommen war – da Wolf sich an den Oberschenkel gegriffen hatte.

Hans Meyer wurde nach dem Spiel gefragt, ob er denn wirklich wieder – wie im Viertelfinale gegen Hannover – Klewer nur zum Elfmeterschießen eingewechselt hätte. Nürnbergs Trainer antwortete mit vielen Worten und sagte – nichts Erhellendes. Die Frage war durch den Gang der Dinge ja auch hinfällig geworden. Dank Kristiansens erstem Tor für den 1. FC Nürnberg überhaupt durfte Raphael Schäfer in seinem letzten Spiel für den Club bis zum Schluss auf dem Feld bleiben und sich anders als nach seiner Auswechslung im Viertelfinale ungetrübt über den Sieg freuen. Als der Torhüter und Kapitän am Ende des Finalabends das Olympiastadion verließ, trug er den Pokal immer noch im Arm. „Einer muss ja darauf achten, dass er nicht in der Kabine liegen bleibt“, sagte er.

Raphael Schäfer, in Polen geboren, hat seine Jugend in Niedersachsen verbracht. Das hat ihn offenbar geprägt. Der Torhüter lebt die landestypische Nüchternheit – auch auf dem Feld. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit, beim Stand von 2:2, kam ein Rückpass auf ihn zu, von vorne näherte sich ein Stuttgarter in irrem Tempo, und als Schäfer den Ball am Fuß hatte, war sein Gegner gerade noch einen Meter von ihm entfernt. Der Torhüter aber behielt die Ruhe, fand die Lücke und bediente seinen Mitspieler mit einem flachen Vertikalpass, wie ihn sich Jürgen Klinsmann nicht schöner hätte wünschen können.

Wie sehr Klinsmann als Bundestrainer die Sicht des Landes auf den Fußball verändert hat, lässt sich auch an der Personalie Schäfer belegen. Dessen nüchterne Interpretation des Torwartspiels entspricht nicht der traditionellen Vorstellung der Deutschen, die die Qualität eines Torhüters vornehmlich an seinen Flugeigenschaften festmachten. Schäfer war selbst in Nürnberg am Anfang seiner Zeit nicht unumstritten, in den ersten beiden seiner insgesamt sieben Jahre beim Club bestritt er ganze drei Spiele. Welche Wertschätzung der Torhüter inzwischen genießt, lässt sich schon daran ablesen, dass er vom Deutschen Meister VfB Stuttgart für gut befunden wurde, Timo Hildebrand zu ersetzen. Es ist auch Ausdruck eines allgemeinen Mentalitätswandels.

Die Stuttgarter Fans werden ihren neuen Torhüter und seine Qualitäten vermutlich auch noch schätzen lernen. Beim Pokalfinale bedachten sie ihn mit Pfiffen, wahrscheinlich weil Schäfer sich sehr vehement für den Platzverweis Cacaus verwandt hatte. Immerhin übte der Torhüter tätige Reue und ermöglichte dem VfB mit einer Ungeschicklichkeit den Ausgleich. Zehn Minuten vor Schluss rutschte er Stuttgarts Stürmer Mario Gomez in die Beine, den folgenden Elfmeter verwandelte Pavel Pardo zum 2:2. „Ich habe nicht versucht, Stuttgart wieder ins Spiel zu bringen“, sagte Schäfer zu Unterstellungen, die ohnehin niemand gemacht hatte.

Am Ende bekam Schäfer trotzdem das, was dem VfB verwehrt blieb: Er wird als Pokalsieger seinen neuen Job beim Vizepokalsieger antreten. Raphael Schäfer sagte: „Das Leben ist hart und ungerecht.“

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