Nach dem EM-Aus : Klinsmann als englischer Heilsbringer im Gespräch

"McClown" muss nach EM-Aus gehen: Englands Coach McClaren entlassen" - so titelte die "Times": Nun gibt es die ersten Spekulationen, dass Jürgen Klinsmann kommen könnte, aber es sitzen viele Übungsleiter auf dem Trainer-Karussell.

Henning Hoff[dpa]
England
Am Boden zerstört. Die Fans sind enttäuscht, die englische Mannschaft ist führungslos. -Foto: AFP

London Verzweifelte Fans, konsternierte Spieler und ein entlassener Trainer: Nach dem Debakel in der EM-Qualifikation ist das Fußball-Mutterland England am Boden zerstört. Nur elf Stunden nach einer der "schwärzesten Nächte der englischen Fußballgeschichte" ("The Mirror") war in Steve McClaren das erste Opfer der 2:3-Niederlage gegen Kroatien und der dadurch verpassten EM-Teilnahme gefunden. Der englische Fußball-Verband FA entließ heute den von den Fans als "McClown" verspotteten Coach und seinen Assistenten Terry Venables. Der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann ist für die seriöse Tageszeitung "The Times" heißer Nachfolge-Kandidat: "Wird die FA mutig genug sein, Jürgen Klinsmann anzurufen?", titelte der Internetanbieter der "Times". Zudem sei Englands Ex-Kapitän Alan Shearer prädestiniert für diesen Job.

McClaren äußerte Verständnis für seinen Rauswurf. "Ich kann die Entscheidung verstehen. Das ist der schlimmste Tag meiner Karriere. Es tut mir vor allem für die Fans und die Nation leid", sagte er nach dem Ende seiner nur 17-monatigen Amtszeit. Erstmals seit 23 Jahren verpasst England die Teilnahme an einer Europameisterschaft, zuletzt fehlten die "Three Lions" bei der WM 1994 bei einem großen Turnier. "Wir haben natürlich kein göttliches Recht darauf, bei jedem großen Turnier zu spielen, aber es ist völlig richtig, die Qualifikation zu erwarten", begründete FA-Präsident Geoff Thompson das Ende der kürzesten Trainer-Ära in der Geschichte des englischen Nationalteams. "England ist die Lachnummer des europäischen Fußballs", schrieb die "Sun" nach der Blamage vor 88.091 fassungslosen Zuschauern im Wembley-Stadion. Den anderen britischen Teams erging es nicht viel besser: Auch Nordirland, Schottland und Wales schauen bei der EM zu.

"Daily Mail": "Wembley-Horrorshow"

"Das Aus für unsere goldene Generation und für England als Fußballweltmacht", resümierte "The Mirror" nach der "Wembley-Horrorshow" ("Daily Mail"). Zahlreiche Kommentatoren griffen weit zurück und verglichen das Match mit der "traumatischen" 3:6-Niederlage gegen Ungarn von 1953 an gleicher Stelle. Dabei hätte den Engländern nach der sensationellen 1:2-Pleite Russlands in Israel am Samstag ein Remis für das EM-Ticket gereicht - und das war nach der Aufholjagd zum 2:2 durch Frank Lampard (56.) und Peter Crouch (64.) auch zum Greifen nahe. Doch der Dortmunder Mladen Petric (77.) sorgte für den K.o. der völlig verunsicherten McClaren-Elf, nachdem zuvor Niko Kranjcar (9.) und Ivica Olic (14.) getroffen hatten.

"Das war mein schlimmster Abend im Nationaltrikot. Das wird noch eine ganze Weile wehtun", klagte Ersatzkapitän Steven Gerrard. Der eingewechselte David Beckham wies den Vorwurf zurück, manchen Fußball-Millionären sei ein Weiterkommen nicht wichtig gewesen: "Glauben sie mir, da ist eine Menge Schmerz in der Kabine. Egal, wie viel Geld du verdienst, wenn du verlierst, tut es weh."

Kroatisches Nachkarten

Nach dem "Wunder von Wembley" (Zeitung "24 Stunden"), mit dem die Kroaten Russland die benötigte Schützenhilfe leisteten, goss Kroatiens Trainer Slaven Bilic zusätzlich Öl ins Feuer: "Das ist die Rache an den Engländern, die keine Achtung vor uns haben." Einhellig wurde in den kroatischen Medien der russische 1:0-Sieg in Andorra und das Desaster Englands gefeiert: "Wir und die Russen - das sind 200 Millionen." Fragwürdiger Höhepunkt der kroatisch-russischen Fußball-Freundschaft ist eine Sonderprämie des russischen Milliardärs Leonid Fedun, der den besten kroatischen Spielern vier Luxusautos für den Sieg in England schenken will.

McClaren hatte jedoch andere Sorgen. Während seines Trainer-Intermezzos gelang es ihm nicht, seinen mit Stars wie Wayne Rooney, Michael Owen, Gerrard oder Lampard gespickten Kader zu einer Einheit zu formen. Auch sein inkonsequenter Umgang mit Ex-Kapitän Beckham, den er erst aussortierte und dann zurückholte, wurde dem Nachfolger des Schweden Sven-Göran Eriksson angekreidet. Für die Auflösung seines Vierjahresvertrags soll McClaren mit mehr als drei Millionen Euro abgefunden werden. "Wir werden alles tun, um den richtigen Mann zu finden", versprach FA-Chef Thompson mit Blick auf die Nachfolgersuche. Bei den englischen Buchmachern wird als heißester Anwärter der ehemalige Chelsea-Coach José Mourinho gehandelt. Zudem gelten Aston Villas Teammanager Martin O'Neill, Portugals Coach Luiz Felipe Scolari und Guus Hiddink (russischer Nationaltrainer) als aussichtsreiche Kandidaten. (mit dpa)

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