Nach dem Finale : Einzelkritik: Von Lehmann bis Klose - und natürlich Gomez

Lahm verlässt sich auf Lehmann. Podolski ist wirkungslos, Klose zu unentschlossen. Die Innenverteidiger sind unterirdisch. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik nach dem verlorenen Finale gegen Spanien.

Stefan Hermanns[Wien]
Podolski
Nicht bissig genug. Podolski blieb wirkungslos. Gomez kam erst spät.Foto: ddp

Jens Lehmann:

Kann noch so oft behaupten, dass er genug Spielpraxis für dieses Turnier gehabt habe: Das 1:0 der Spanier hat endgültig das Gegenteil bewiesen. Kam um den berühmten Bruchteil einer Sekunde zu spät, den weder Robert Enke noch René Adler zu spät gekommen wären, und irritierte mit seinem Vorstoß Philipp Lahm, der den Ball eigentlich schon abgelaufen hatte, sich dann aber fälschlicherweise auf Lehmann verließ. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Mit einem Torhüter und einem Innenverteidiger (Christoph Metzelder) ohne Spielpraxis kann man eigentlich nicht Europameister werden, auch wenn Lehmann nach der Pause mehrmals das 0:2 verhinderte.

Arne Friedrich: Fing sich in der siebten Minute den ersten bösen Blick von Kapitän Ballack ein, nach einem Fehlpass auf Senna. Rehabilitierte sich kurz darauf mit Beinschuss gegen niemand Geringeren als Andres Iniesta. Geriet aber auch in der Folge gegen die starke linke Seite der Spanier immer wieder in arge Schwierigkeiten. Sein Beitrag zur Offensive musste wegen anderweitiger Verpflichtungen leider auf das erste Länderspiel nach der EM verschoben werden.

Per Mertesacker: Ist bei diesem Turnier zumindest berechenbar gewesen: Er wurde mit jedem Spiel schlechter, so dass sich im Finale nicht einmal mehr sagen ließ, wer denn nun der schwächere der beiden Innenverteidiger gewesen war: Beide spielten unterirdisch.

Christoph Metzelder: Bescherte den Spaniern den ersten Schuss aufs deutsche Tor. Ein Eigentor im Finale wäre natürlich die passende Pointe für dieses Turnier gewesen, in dem Metzelder immer ein latentes Sicherheitsrisiko war. Bewies immerhin noch Sinn für Humor: Weil er hinten wieder einmal erschreckend schwach spielte, stürmte er immer häufiger mit nach vorne und verstolperte dann in der spanischen Hälfte den Ball.

Philipp Lahm: Verfügt über einen fußballerischen Instinkt, der ihn vieles richtig machen lässt. So auch in der 33. Minute, als er den Ball gegen Fernando Torres abgelaufen hatte, in seinem Augenwinkel Jens Lehmann sah und ihm den Rest überlassen wollte. Aber Lehmann in seiner Selbstfindungsphase ist mit dem normalen fußballerischen Instinkt nicht zu entschlüsseln. Musste zur Pause wegen einer Fleischwunde auf dem linken Fuß ausgewechselt werden.

Torsten Frings: Der vermeintliche Stabilisator in der Mitte stiftete viel Unruhe – in der eigenen Mannschaft. Leistete sich einige gemeingefährliche Fehlpässe. Frings war bei diesem Turnier bei weitem nicht der allseits geachtete Kämpfer für die gemeinsame Sache wie vor zwei Jahren bei der WM. Wie man die Sechserposition heutzutage interpretiert, konnte er im Finale beobachten: bei Marcos Senna auf spanischer Seite.

Thomas Hitzlsperger: Soll über eine bombastische Schusstechnik verfügen, brachte in der neunten Minute aus exzellenter Position aber nur einen harmlosen Roller aufs spanische Tor. Im Vergleich mit den Supertechnikern aus dem spanischen Mittelfeld wirkte er sowieso reichlich hölzern.

Bastian Schweinsteiger: Das freischwebende Radikal im deutschen Mittelfeld: überall unterwegs, aber nicht so klar und zielstrebig wie bei seinem grandiosen Auftritt gegen Portugal. Fand keinen Weg nach vorne und fing an, mit dem Ball herumzudaddeln. Wurde nach der Pause kurzzeitig etwas besser – was aber ausdrücklich nicht für seine Ecken und Freistöße galt.

Michael Ballack: Dieses Finale gefährdete seine Gesundheit. Spielte trotz Problemen in der Wade und zog sich in der ersten Hälfte dann auch noch eine Platzwunde an der rechten Augenbraue zu. Versuchte es als Kämpfer, versagte seiner Mannschaft aber lange das spielerische Element, das sie gegen die Spanier gebraucht hätte.

Lukas Podolski: Musste erkennen, dass jede Entwicklung einmal an ihr Ende kommt, seine leider im Finale der EM. Wurde von den Spaniern im Spiel nach vorne erfolgreich neutralisiert. Das war zwar schade für die Deutschen; gegen Sergio Ramos nicht stattzufinden ist im Halbfinale allerdings auch Andrej Arschawin passiert.

Miroslav Klose: Die personifizierte Halbherzigkeit oder die entschlossene Unentschlossenheit. Denkt immer garantiert im falschen Moment nach und büßt damit den entscheidenden Vorsprung ein. Stand in den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit dreimal im Abseits. Schaffte es nicht einmal, Carles Puyol vom Boden hochzuziehen.

Marcell Jansen: Ersetzte nach der Pause den verletzten Lahm. Leitete in der 60. Minute mit einer beherzten Attacke auf Puyol die erste Chance der Deutschen in der zweiten Halbzeit ein. Aggressiv und entschlossen im Zweikampf. Belebte kurzzeitig das Spiel über außen.

Kevin Kuranyi: Stand bei seiner ersten Aktion gleich im Abseits. Sollte dem deutschen Angriffsspiel mehr Wucht verschaffen, bekam aber nicht genügend Bälle aus dem Mittelfeld, um wuchtig zu sein.

Mario Gomez: Das letzte Mittel. Kam spät für Miroslav Klose und kann seinen Verwandten in Spanien künftig immer erzählen, dass er auch dabei war, als ihr Land zum ersten Mal seit Menschengedenken wieder einen Titel holte.

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