Sport : Nach dem Fleisch

Wie Owtscharows Fall das Tischtennis verändert hat

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Fünf Matchbälle sollten reichen für Dimitrij Owtscharow zum Einzug ins Viertelfinale. Doch als er die ersten beiden gegen Tang Peng aus Hongkong vergeben hatte, wurde seine eben noch lockere Hand auf einmal fest. „Da bin ich sehr, sehr nervös geworden“, erzählt Owtscharow. Die nächsten drei Chancen vergab er ebenfalls, es stand 10:10. „Da dachte ich, ich hätte das Ding schon aus der Hand gegeben.“ Es ist noch nicht wieder alles normal, wenn der 22-Jährige ein Tischtennisspiel bestreitet. „Vor zwei Monaten wäre mir das nicht passiert“, sagt er. Vor zwei Monaten war bei ihm auch noch kein Clenbuterol im Urin gefunden worden und sein Name in einer Schlagzeile zum Thema Doping aufgetaucht.

Mit viel Mut und etwas Glück gewann Owtscharow die nächsten beiden Punkte und damit sein letztes Gruppenspiel beim World Cup in Magdeburg. Er hat sich zurückgemeldet nach seiner Suspendierung wegen der positiven Dopingprobe und nach seinen ersten beiden Siegen die Arme mit geballten Fäusten nach oben gezogen wie ein Boxer, der seine Muskeln zeigen will. „Ich überrasche mich selber“, sagt er. Die Runde der besten acht beim prestigeträchtigsten Turnier nach Olympia und WM hatte er sich nicht zugetraut, dazu schien ihm sein Trainingsrückstand zu groß. Sein starke Leistung konnte auch die erwartete 2:4-Niederlage im Viertelfinale gegen den Weltranglisten-Dritten Zhang Jike aus China nicht schmälern.

Die Zuschauer begrüßten Owtscharow in der Bördelandhalle mit starkem Applaus. Auch die anderen Spieler seien ihm freundlich begegnet, berichtet er. „Alle freuen sich. Die wissen, dass das Pech war und mit Doping nichts zu tun hatte.“ Das Pech, offenbar in China mit dem Mastmittel Clenbuterol kontaminiertes Fleisch gegessen zu haben. Es ist also alles wieder gut. Fast jedenfalls. Werner Schlager aus Österreich, vor einigen Jahren Weltmeister im Einzel, sagt: „Ich habe nur darauf gewartet, dass so etwas passiert.“ Schon vor Olympia 2008 in Peking seien die Spieler davor gewarnt worden, an anderen Orten als im Olympischen Dorf zu essen. „Ich wusste, dass sich viele Spieler nicht an solche Warnungen halten“, sagt Schlager, „vor allem die asiatischen Spieler nicht.“

Jetzt soll das Problem auf eine höhere Ebene gehoben werden. „China sollte das Verbot von Clenbuterol bei der Ernährung von Tieren ernst nehmen“, sagte Adham Sharara, Präsident des Internationalen Tischtennis-Verbandes (ITTF), dem Tagesspiegel. Er plane im November ein Treffen mit Vertretern des chinesischen Verbandes, „um den Verband zu ermutigen, innerhalb Chinas eine führende Rolle in der Diskussion um ein Clenbuterol-Verbot in der Tiermast zu übernehmen.“

Ein Fall wie der von Owtscharow sei nicht zu vermeiden, die Spieler könnten sich aber eine vorausschauende Ernährung angewöhnen. „Wenn sie Fleisch in einem anderen Land essen, sollten sie das in sehr geringen Mengen tun.“ Formal ist der Fall Owtscharow auch immer noch nicht abgeschlossen. Es fehlt noch eine Nachricht aus Montreal, von der Welt-Anti-Doping-Agentur. Die hat das Recht auf Widerspruch, dann müsste das Verfahren noch einmal aufgerollt werden. Das Verfahren eingestellt hat der deutsche Verband, was nicht ganz glücklich aussah, weil er ein Interesse daran hat, dass die Besten für Deutschland spielen. Der DTTB wird daher auf der nächsten Präsidiumssitzung diskutieren, ob nicht künftig die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) Dopingfälle von Anfang an übernimmt. „Es wäre ein Fortschritt im Anti-Doping-Kampf, wenn das Ergebnis- und Sanktionsmanagement von der Nada übernommen würde“, sagt Nada-Geschäftsführerin Anja Berninger. Dazu bräuchte sie jedoch mehr Geld. Weltmeister Schlager hat sich der Sorge bereits entledigt. „Ich habe meine Ernährung im 38. Lebensjahr umgestellt“, also vor wenigen Wochen, „jetzt bin ich Veganer, damit fühle ich mich einfach besser.“

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