Sport : Nach dem High Noon ist der Retter in Frankfurt nicht mehr gefragt

Hartmut Scherzer

Zum Abschluss der Vorrunde verlor die Bundesliga ihre weiße Weste. Sie entließ doch noch den ersten Trainer in dieser Saison. Natürlich traf es, wie allseits nach dem 0:3 der Frankfurter Eintracht beim SSV Ulm erwartet worden war, Jörg Berger (55). Die Spatzen, und nicht nur die Ulmer, hatten es seit Samstag von den Dächern gepfiffen: "Berger fliegt". Mit dieser sonntäglichen Schlagzeile war Berger bereits bei seinem Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF konfrontiert worden. Gestern mittag um 12.08 Uhr war es dann amtlich. High Noon im Kempinski in Gravenbruch: Rolf Heller, Präsident und sportlicher Leiter in Personalunion der Eintracht, verkündete die Trennung nach einem Gespräch mit Berger und dem Geschäftsführer Klaus Lötzbeier. Der Grund: "Die Tabellensituation". Was sonst. Ausdrücklich betonte Heller heuchlerisch den Dank, den er Berger für die Rettung in der vergangenen Saison nochmals abgestattet habe. Doch: Undank ist der Trainer Lohn. Trotz Abfindung.

Die wundersame Rettungstat im letzten Frühjahr in schier aussichtsloser Situation konnte den Retter nicht mehr retten. Eine Wiederholung in noch 17 Spielen der Rückrunde wurde dem "Feuerwehrmann" nicht zugetraut. Die Herren folgten dem Gesetz der Erfolglosigkeit: Wenn eine Mannschaft von den letzten 14 Spielen zwölf verliert und auf den verletzten Tabellenrang abrutscht, hat der Trainer zu gehen.

Oft genug hatte Berger sarkastisch in der prekären Situation angemerkt: "Wenn ich nicht schon da wäre, würde man mich jetzt holen." Die Eintracht hat noch keinen Nachfolger, auch wenn mit den Namen Krauss, Magath und Toppmöller spekuliert wird. Jörg Berger, an die Mechanismen von "hire & fire" in seiner abwechslungsreichen Karriere hinreichend gewöhnt, nahm den Rauswurf gelassen hin. Das einzige, was er dem Verein vorwerfe, war die Haltung des Präsidiums in den letzten acht Wochen der Talfahrt. "Das Präsidium ist den Spekulationen um den Trainer nie mit einer eindeutigen Stellungnahme entgegen getreten, hat nie gesagt: Das ist und bleibt unser Trainer." Dieser ungute Schwebezustand habe sich auf die Mannschaft übertragen. Er habe nicht mehr in Ruhe mit ihr arbeiten können. "Es ging doch zuletzt nicht mehr um Punkte, sondern nur noch um den Trainer", klagte Berger.

Wenn zu keiner Zeit, auch nicht zuletzt, "Berger raus" im Stadion gerufen wurde, dann nicht nur aus Dankbarkeit der Fans, sondern wohl auch aus der Einsicht heraus, dass er nicht der Schuldige am Schamassel ist. Die Neueinkäufe für 16 Millionen Mark hatten sich als Fehlinvestition herausgestellt und waren kein Ersatz für Schneider und Sobotzik, das torgefährliche Mittelfeld-Duo des Vorsaison. Fürs sportliche Konzept, das nicht aufging, war aber Heller verantwortlich, wie er selbst einräumt: "Es war mein Konzept im Sommer: Weg vom Klopperfußball, hin zu mehr spielerischer Klasse. Aber die großen Fehleinschätzungen waren Salou und Heldt". Dass mit Bindewald und vor allem Kapitän Weber in den letzten Wochen die kämpfenden Vorbilder verletzungsbedingt fehlten, wurde Berger nicht zugute gehalten. Seine Entlassung entsprang dem gleichen Aktionismus einer hilflosen Vereinsführung wie die Heimholung Sobotzkis für etliche Millionen. Zum 1. FC Kaiserslautern war Sobotzik ablösefrei gewechselt.

Aber so ist es schon immer in Frankfurt gewesen: Für Missmanagement und Misserfolg müssen die Trainer herhalten. Seit 1982, seit dem Vertragsende von Lothar Buchmann, mussten alle 19 Nachfolger vorzeitig gehen - Jörg Berger zum zweiten Mal, obwohl er zweimal die Eintracht vor dem Abstieg rettete.

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