Sport : Nach dem Sieg ist vor dem Sieg

Esther Vergeer war im Rollstuhltennis unschlagbar. Nun fördert sie den Nachwuchs.

Nora Tschepe-Wiesinger
Unbezwungen. Esther Vergeer musste fast zehn Jahre lang keine Niederlage hinnehmen, nach ihrem Karriereende widmet sie sich nun ihren potenziellen Nachfolgern. Foto: Imago
Unbezwungen. Esther Vergeer musste fast zehn Jahre lang keine Niederlage hinnehmen, nach ihrem Karriereende widmet sie sich nun...Foto: imago sportfotodienst

Berlin - Wenn man 469 Tennisspiele in Folge gewonnen hat, erwartet jeder, dass man auch das 470. Spiel gewinnt – die eigenen Eltern vorneweg. „Wir kaufen uns gleich schon mal die Tickets fürs Finale, weil du es sowieso bis dahin schaffst“, kündigten sie ihrer Tochter, der weltbesten Rollstuhltennisspielerin Esther Vergeer, vor den Paralympischen Spielen in London an. Sie sollten recht behalten: Esther Vergeer gewann auch ihr 470. Tennisspiel und damit ihre siebte Paralympische Goldmedaille.

Für die querschnittgelähmte Sportlerin aus den Niederlanden gehörte Gewinnen zur Routine: Fast zehn Jahre lang wurde sie von niemandem geschlagen. Auf der ganzen Welt gab es keine Tennisspielerin im Rollstuhl, die besser war als sie. Im Februar dieses Jahres dann erklärte sie überraschend ihren Rücktritt. „Ich hatte meiner Karriere als Sportlerin nichts mehr hinzuzufügen“, sagt sie.

Esther Vergeer gilt als einer der wenigen Paralympioniken, die es geschafft haben, allein von ihren sportlichen Erfolgen zu leben. Große Unternehmen förderten die seit 2003 ungeschlagene Tennisspielerin während ihrer Karriere. Sie wurde für Werbekampagnen gebucht und galt neben Oscar Pistorius als die Paralympics-Sportlerin schlechthin. Im Oktober 2010 war sie auf dem Titel der „Body Issue“ des US-amerikanischen ESPN-Magazins zu sehen – nackt im Rollstuhl. Esther Vergeer hatte es geschafft, im Fokus der öffentlicher Aufmerksamkeit zu stehen – und das in einer Branche, die sonst immer im Schatten der Olympischen Spiele steht. „Man konnte sich eben darauf verlassen, dass ich nie aufgebe und nie verliere“, sagt die blonde 32-Jährige.

Gleichzeitig machte ihr der öffentliche Druck, jedes Spiel gewinnen zu müssen, zu schaffen. „Jeder hat automatisch angenommen, dass ich gewinne. Diese Erwartung hatte ich dann irgendwann auch an mich selbst“, sagt sie. Und dass der Druck schließlich auch einer der Gründe für ihren Rücktritt im Februar war.

Das Ende ihrer eigenen sportlichen Karriere bedeutet jedoch noch lange nicht das Ende ihres sportlichen Engagements. Seit 2004 setzt sie sich für die Nachwuchsförderung von Behindertensportlern ein. Dafür hat sie die Esther-Vergeer-Foundation gegründet, die behinderte Kinder und Jugendliche näher an den Sport heran bringen soll.

2003, als Vergeers Siegesserie begann, schrieben ihr auf einmal viele Eltern behinderter Kinder. „Mich erreichten damals viele Emails mit Fragen von Eltern, die nicht wussten, wo sie den richtigen Trainer oder speziellen Rollstuhl für ihr Kind herkriegen sollen. Also habe ich mir vorgenommen, ihnen zu helfen.“ Und wenn Esther Vergeer sich einmal etwas vorgenommen hat, dann setzt sie es auch um. Mittlerweile erreicht ihre Stiftung mehr als 2000 Kinder zwischen sechs und 20 Jahren in den Niederlanden. Zusammen mit verschiedenen anderen erfolgreichen Paralympics-Sportlern veranstaltet Vergeer Sporttage in sogenannten Mytylschools. Das sind Schulen in den Niederlanden, die speziell an die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderung angepasst sind. An den Sporttagen können die Kinder vier verschiedene Sportarten ausprobieren: Rollstuhltennis, Rollstuhlbasketball, Rollstuhlhockey und Leichtathletik.

So weit wie Vergeer selbst, bis zu den Paralympics, hat es bisher noch keines der 2000 Kinder geschafft. Das ist aber auch nicht Vergeers oberstes Ziel. „Der Sport soll den Kindern vor allem vermitteln, dazu zu gehören und sich ihrer eigenen Möglichkeiten trotz der körperlichen Einschränkung bewusst zu werden“, sagt sie.

Kurz nach der Bekanntgabe ihres Rücktritts hatte sie angekündigt, dringend einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für sich finden zu müssen. „Keine leichte Aufgabe“, sagt sie, „aber es wäre natürlich großartig, wenn es jemand aus meiner eigenen Stiftung wäre.“ Also gibt es kein Geheimrezept, wie man über 400 Spiele hintereinander gewinnt? „Naja, einige der Kinder haben gute Chancen, in Rio 2016 mit dabei zu sein“, sagt sie und kann sich ein stolzes Lächeln nicht verkneifen.

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