Sport : Nach dem Terror: Kein Spaß mehr

Robert Ide

Wozu noch spielen? Warum noch Tore bejubeln? Viele Fans haben sich das gefragt, nachdem der schlimmste Terroranschlag die USA erschüttert hatte und fortan die Fersehbilder beherrschte. Doch der europäische Fußballverband Uefa entschied, die Spiele im Uefa-Cup am Dienstag austragen zu lassen. Der Ball rollte, es fielen Tore. Harsche Kritik folgte - und eine neue Entscheidung. Die 51 europäischen Fußballspiele vom Mittwoch und Donnerstag wurden abgesagt. Der Sport reagierte. Am Tag danach.

Für Sport hatte am Mittwoch niemand mehr Sinn. Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß, dessen Mannschaft bei Feyenoord Rotterdam antreten sollte, brachte es auf den Punkt: "Fußball soll Spaß machen, aber wer soll in solch einer Situation noch Spaß haben?" Am Mittwoch beriet der Ligaverband DFL darüber, den 6. Spieltag der Fußball-Bundesliga am Wochenende abzusagen. Die überraschende Entscheidung: Die Spiele finden statt. "Die Welt darf sich dieser Form von Terror nicht beugen", begründete DFL-Präsident Werner Hackmann. Die Mannschaften sollen mit Trauerflor antreten, in den Stadien wird es Gedenkminuten geben.

Spürbar war zuvor die Erleichterung über den Abpfiff auf europäischer Ebene. "Es wäre kein normaler Fußball-Abend geworden", sagte Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund. Die Champions League soll erst wieder am 10. Oktober spielen. Dass nun DFB-Pokalspiele neu terminiert werden müssen, dass die Auftritte von Hertha BSC und dem 1. FC Union erst eine Woche später stattfinden sollen - wen interessiert das noch? "Angemessen und richtig" seien die Absagen, ließ DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder am Mittwoch wissen. Zur Frage, ob eine Absage am Dienstag nicht angemessener gewesen wäre, sagte er nichts.

Andere reagierten konsequenter. Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) hatte bereits am Dienstag zwei Begegnungen abgesagt. Nun steht der gesamte Spieltag am Wochenende zur Disposition. Der Einzige, der für den weiteren Spielbetrieb plädiert, ist Kassels Trainer Hans Zach. "Wir sollten zur Normalität übergehen", meinte Zach, "Politik ist eine Sache, Sport eine andere." Mit dieser Meinung steht er ziemlich allein da. Die deutschen Biathlon-Meisterschaften in Ruhpolding wurden abgesagt, ebenso die Begegnungen im Basketball-Pokal, alle Kämpfe der Ringer-Bundesliga sowie die Galopprenntage in Neuss und Frankfurt. Der Deutsche Handball-Bund strich alle für Mittwoch terminierten Begegnungen. Zuvor war bekannt geworden, dass drei Mitarbeiter eines Sponsors des Handball-Bundesligisten SG Willstädt-Schutterwald dem Terror zum Opfer fielen. Sie saßen in der zweiten Maschine, die auf das World Trade Center in New York raste.

Was bleibt, sind Trauer und Ohnmacht. Zuweilen auch Unverständnis. Das Formel-1-Rennen am Sonntag in Monza soll gestartet werden. "Es gibt keine Programmänderung", erklärte ein Fia-Sprecher lapidar. Keine Unterbrechung auch bei der Volleyball-Europameisterschaft in Tschechien und der Spanien-Radrundfahrt. Das Nationale Olmpische Komitee (NOK) und der Deutsche Sportbund (DSB) konnten sich nicht dazu durchringen, sportliche Absagen zu empfehlen. "Wem hilft der Sport mit einer Aussetzung?", fragte NOK-Chef Walther Tröger. Und DSB-Präsident Manfred von Richthofen meinte, er sei gegen "übereilte Schritte".

Doch Angst ist nicht wegzureden. Die Olympischen Winterspiele, die vom 8. bis 24. Februar in Salt Lake City stattfinden sollen, stehen in Frage. "Die Spiele finden statt", versichert Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Doch es gibt Zweifel an der Organisation. Auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan soll wie geplant ablaufen - mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen.

In den USA beruhigt das niemanden. Das sportliche Leben steht still. Der Spieltag der Baseball-Profiliga MLB fiel aus - zum ersten Mal seit dem Tod von Präsident Franklin D. Roosevelt 1945. Die Football-Liga NFL erwägt eine Totalabsage für das Wochenende. Außerdem: Keine College-Ligen, keine Fußballliga, kein Frauen-Tennis in Hawaii. Der US-Cup der Fußball-Frauen mit der deutschen Nationalmannschaft wurde abgesetzt.

Erste Todesopfer werden beklagt. Der Eishockey-Klub Los Angeles Kings trauert um die Talentspäher Gernet "Ace" Bailey (53) und Mark Bavis (31). Beide saßen in der entführten Maschine, die das World Trade Center zerstörte. Auch der Ex-Trainer der Berliner Eisbären und jetzige Headcoach der Los Angeles Kings, Andy Murray, verlor zwei Mitglieder aus seinem Betreuerstab.

Amerikas Sport trauert. Ohnmächtig. Die symbolträchtige Arena der New York Yankees wurde weiträumig abgesperrt. Sie liegt nur wenige Kilometer vom World Trade Center entfernt, in dem noch immer verschüttete Menschen um ihr Leben kämpfen.

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