Nach dem Tod eines Zuschauers : Geteiltes Leiden in Dortmund

Was ist von der Gruppendynamik zu halten, die am Sonntag, nach dem Tod eines Fußball-Fans in Dortmund, zu sehen war? Selbst die Wissenschaft weiß das nicht genau. Ein Kommentar.

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Fußball: Bundesliga, Borussia Dortmund - FSV Mainz 05, 26. Spieltag am 13.03.2016 in Signal Iduna Park, Dortmund (Nordrhein-Westfalen). Dortmunds Fans halten ihre Schals in die Höhe und singen "You never walk alone" für einen Fan, der während des Spiels an einem Herzinfarkt gestorben war, während die BVB-Spieler Arm in Arm vor der Südtribüne stehen. Foto: Bernd Thissen/dpa (zu dpa "Dortmunder OK-Chef nach Todesfall im Stadion: «Es war sehr bewegend» " am 14.03.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Fußball: Bundesliga, Borussia Dortmund - FSV Mainz 05, 26. Spieltag am 13.03.2016 in Signal Iduna Park, Dortmund...Foto: dpa

Es gibt Fußballfans, die ihre letzte Ruhe am liebsten im Stadion finden würden. Viele Vereine bieten ihnen dafür eine Urnenbestattung an oder gleich, ihre Asche am Spielfeldrand zu verstreuen. Was am Sonntag in Dortmund passiert ist, lässt sich jedoch nicht planen: Dass ein ganzes Stadion erst schweigend und dann singend Anteil nimmt am Tod eines Zuschauers aus ihrer Mitte.

Es waren dieselben Fans, von denen einige auch schon Gegner, Spieler, Schiedsrichter beschimpft haben. Die schon mal in verletzende Sprechchöre eingestimmt haben. Und nun also eine gemeinsame Geste des Trauerns. Was davon zu halten ist? Das weiß selbst die Wissenschaft nicht genau. In der Massenpsychologie gibt es genügend Forscher, die den Menschen ihre Vernunft in solchen aufgeladenen Momenten absprechen. Herdentrieb und Gruppendynamik übernähmen das Kommando.

Und dann gibt es Forscher wie Stephen David Reicher, Professor für Sozialpsychologie in St. Andrews, der gesagt hat: „Oft werden wir nur in Massen zu sozialen Akteuren, die ihre eigene Geschichte in die Hand nehmen. Und deswegen erinnern sich Menschen so stark an Massenaufläufe, deswegen ist eine Masse für sie etwas so Leidenschaftliches.“ Das kann leidenschaftliche Aggressivität sein. Aber zum Glück eben auch leidenschaftliche Anteilnahme wie am Sonntag im Stadion von Dortmund.

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