Nach dem Triumph : Der graue Alltag hat Wolfsburg wieder: in Gestalt von Hertha

Nach dem Triumph in der Europa League empfindet der Deutsche Meister VfL Wolfsburg das Spiel gegen den Tabellenletzten Hertha BSC wie eine Strafarbeit.

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Aufstehen, weitermachen. Die Spieler des VfL Wolfsburg haben keine Zeit, ihren Sieg über Rubin Kasan zu genießen. -Foto: ddp

Sein Lächeln wirkte ein wenig gequält. Christian Gentner wollte schnell weg zu Massage und zum Regenerieren, zu dem sich die Profis des VfL Wolfsburg nach Auftritten im internationalen Fußball in einem Luxushotel neben ihrem Stadion treffen. „Die Fans glauben wieder an uns. Und die Spieler an sich auch“, sagte der müde Nationalspieler im Trikot des Deutschen Meisters, der zu später Stunde noch Großes vollbracht hatte. Mit seinem Tor kurz vor Ende der Verlängerung hatte Gentner einen 2:1 (1:1, 0:1)-Erfolg gegen Rubin Kasan noch perfekt gemacht. Der Einzug in das Viertelfinale der Europa League, zu dem die Wolfsburger am 1. April zunächst beim Londoner Stadtteilklub FC Fulham antreten müssen, ließ eine kleine Jubelarie losbrechen, die vom grauen Alltag der Bundesliga ablenkt. Dass am Sonntag das Heimspiel gegen Schlusslicht Hertha BSC ansteht, kommt nach dem Triumph über den Russischen Meister nämlich wie eine lästige Strafarbeit daher.

Die Überstunden vom Mittwochabend, als der bisher größte internationale Erfolg in der Wolfsburger Vereinsgeschichte perfekt gemacht wurde, haben ihre Spuren hinterlassen. Viele der VfL-Spieler schleppten sich nach 120 hart umkämpften Minuten aus der Umkleidekabine und verließen auf schweren Beinen ein Stadion, in dem sie immerhin 15 412 Zuschauer glücklich gemacht hatten. „Die Erleichterung war riesengroß, dass wir es ohne Elfmeterschießen geschafft haben“, sagte Gentner, der kein Geheimnis daraus macht, dass die Europa League für ihn der perfekte Wettbewerb zum Trösten ist. Weil der Ruhm nach der überraschenden Meisterschaft im Vorjahr schnell verbraucht war und der Einzug ins Achtelfinale der Champions League verpasst wurde, kicken sich die VfL-Spieler gerade durch eine triste Zeit, aus der Gentner als erster Stammspieler ausbricht. Sein früh bekannt gegebener Wechsel zum VfB Stuttgart dokumentiert jene Skepsis, die auch im restlichen Kader des VW-Klubs immer größer wird. Die Leistungsträger des Teams warten auf einen neuen Trainer, neue Visionen und eine bessere Perspektive. Wer möchte, kann diesen Schwebezustand durchaus am Sonntag als Vorteil für Hertha BSC werten.

In Wolfsburg können sie die Bundesliga-Saison abhaken

Im Grunde, daran kann auch die jüngste Siegesserie unter der Regie von Interimstrainer Lorenz-Günther Köstner nichts ändern, können sie in Wolfsburg diese Saison abhaken. „Die Europa League zu gewinnen, das wäre noch ein Highlight“, sagt Gentner. Der 23-Jährige versichert zwar, dass man noch genügend Kraft in den Beinen habe, um am Sonntag auch gegen Hertha BSC zu glänzen. Aber wenn es um Pflichtaufgaben wie diese geht, hält sich die Begeisterung deutlich in Grenzen.

Was die Wolfsburger gegen Kasan ohne den verletzten Torjäger Grafite und mit ihrem formschwachen Spielmacher Zvjezdan Misimovic zeigten, war kein Empfehlungsschreiben für die ganz große Fußballbühne. „Wir werden in der Europa League noch sehr weit kommen“, glaubt zwar der Nigerianer Obafemi Martins, der als eingewechselter Stürmer erneut für die Wende in einer alles andere als souverän geführten Partie gesorgt hatte. Torjäger Edin Dzeko hatte einen ganz schwachen Abend erwischt. In der 89. Minute war Dzeko zwar ein reguläres Tor gelungen, dem allerdings die Anerkennung versagt blieb. Die wenigen Zuschauer, die in die VW-Arena gekommen waren, hatten trotzdem ihren Spaß. „Aber ein volles Stadion“, das war die Erkenntnis des Abends für VfL-Boss Dieter Hoeneß, der aus den Wolfsburgern auf lange Sicht eine große Nummer machen soll, „das müssen wir uns an solchen Abenden erst noch erarbeiten.“

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