Nach der Dopingsperre : Claudia Pechstein: "Ich bin wieder da"

Die Eisschnellläuferin darf wieder starten. Ein renommierter Wissenschaftler hat sie noch einmal entlastet und will sich sogar beim IOC für sie einsetzen.

von

Berlin - Warum Claudia Pechstein im Vordergrund zufrieden lächelte, ließ sich auch im Hintergrund erkennen. Eine Wand hatte die Eisschnellläuferin aufbauen lassen, auf der ein Sponsorenlogo neben dem anderen gedruckt war – eine Mauer aus gut bezahlter Solidarität schien ihr den Rücken zu stärken. Und wenig später hing dort eine Leinwand von der Decke, auf der ein Professor für Medizin ihr Blutbild zeigte mit dem Hinweis, sie habe eine Anomalie und der Fall sei damit zweifelsfrei erklärt.

Der dritte und wichtigste Grund für ihr Lächeln ist jedoch das Datum: Ihre Wettkampfsperre durch den Internationalen Eislauf-Verband ist jetzt abgelaufen, Pechstein kann sich im Sport wieder frei bewegen. So frei, wie sie das eben tun kann nach einem fragwürdigen Dopingurteil. „Ich fühle mich ganz wohl gerade“, sagte sie in einem Köpenicker Hotel, in das sie zur Pressekonferenz geladen hatte, „ich bin wieder da.“

Ihre Sätze wirkten ein wenig eingeübt und manches wiederholte sie an diesem Vormittag. Etwa, dass es „das Schlimmste ist, was man erleben kann, unschuldig verurteilt zu sein“. Oder dass sie eine Kämpferin sei und immer optimistisch nach vorne schaue. Ein bisschen Normalität ist allerdings auch wieder eingekehrt, denn Pechstein erzählte wie früher über Leistungsstand und sportliche Ambitionen. „Es ist mein Ziel, bei den Olympischen Spielen in Sotschi dabei zu sein und meine zehnte olympische Medaille zu gewinnen.“

Beim Thema Olympia treffen sich nun Sport und Recht. Denn eigentlich darf Pechstein nicht starten. Das besagt die sogenannte Osaka-Regel des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), die Athleten mit einer Dopingsperre von mehr als sechs Monaten von den folgenden beiden Olympischen Spielen ausschließt. Der Internationale Sportgerichtshof Cas hatte im November 2009 Pechsteins Zweijahressperre bestätigt mit der Begründung, ihre erhöhten Blutwerte seien nur durch Manipulation zu erklären, nicht durch eine Krankheit.

Seitdem haben sich jedoch zahlreiche auf das Blut und seine Krankheiten spezialisierte Mediziner mit Pechstein beschäftigt und sie untersucht. Als im März 2010 mehrere Hämatologen öffentlich erklärten, der Fall Pechstein sei medizinisch gelöst, denn es liege eine Anomalie vor, meldete sich der Hannoveraner Mediziner Arnold Ganser zu Wort. Er zweifelte noch an diesem wissenschaftlichen Befund und empfahl weitere Untersuchungen. Die hat nun der auf die bei Pechstein infrage kommenden Blutanomalien spezialisierte Mediziner Stefan Eber aus München vorgenommen. Am Dienstag sagte er bei der Pressekonferenz in Berlin: Der Schuldspruch des Internationalen Eislauf-Verbandes beruhe auf einer „Wissenslücke“.

Für Eber steht jedenfalls „zweifelsfrei fest“, dass Pechsteins erhöhte Blutwerte durch eine Anomalie zu erklären sind, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Die reifen roten Blutzellen, die Erythrozyten, würden bei ihr schneller abgebaut, während die jungen Zellen, die Retikulozyten, länger überlebten. Daher die erhöhten Retikulozytenwerte. Eine andere Erklärung gebe es nicht. „Etwa 0,2 bis 0,5 Prozent der Bevölkerung weist diese Anomalie auf“, sagte Eber. Es sei ein Fehler des Internationalen Eislauf-Verbandes gewesen, sein Urteil allein auf einen Blutparameter, die Retikulozyten, zu stützen.

Der Münchner Mediziner hat sogar eine Petition an den IOC-Präsidenten, den belgischen Arzt Jacques Rogge, verfasst. „Man muss befürchten, dass eine juristische Lösung sich sehr lange hinzieht. Deshalb muss in diesem Fall eine medizinische Ausnahmeregelung gefunden werden“, sagte Eber. Er hofft also, dass Rogge Pechstein trotz der Osaka-Regel eine Olympiateilnahme 2014 in Sotschi ermöglicht. Und auch Pechstein sagte: „Der Kampf ist dann vorbei, wenn ich vollständig rehabilitiert bin.“

Erst einmal wird sie am Samstag in Erfurt versuchen, die geforderte Weltcup-Norm über 3000 Meter von 4:15 Minuten zu erreichen. Ihre Bestzeit liegt bei 3:57,35 Minuten. Das Saisonziel ist dann die Einzelstrecken-Weltmeisterschaft Mitte März in Inzell. Bis dahin ist die Bundespolizistin noch vom Dienst befreit, denn zunächst war sie krankgeschrieben, bis zur WM in Inzell hat sie Urlaub genommen. „Der Jahresurlaub endet nach der WM, dann erwarte ich, dass sie ihren Dienst bei der Bundespolizei antritt“, sagte Thomas de Maizière, als Bundesinnenminister auch Pechsteins oberster Dienstherr. Sie selbst ließ ihre berufliche Zukunft offen. „Ich rede heute über meine Rückkehr und nicht über das Bundesinnenministerium.“

Autor

29 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben