Nach der EM : Aus der Tiefe des Traumes

Heute wird gefeiert. Auf der Fanmeile im Herzen Berlins wollen bis zu eine Million Menschen zeigen, wo das Herz des deutschen Fußballs schlägt. Bei der Nationalmannschaft. Die Begeisterung, die zum EM-Finale wieder Hunderttausende in die Fanzonen und Biergärten dieses Landes trieb, hat sich die Mannschaft verdient – auch wenn sie das Finale verdient verlor. Ein Leitartikel von Tagesspiegel-Sportchef Robert Ide.

Robert Ide
Finale
Zurecht gefeiert. Die deutsche Elf hat nicht immer überzeugt, sich aber den Jubel auf der Berliner Fanmeile verdient.Foto: dpa

Die Begeisterung, die gestern zum EM-Finale wieder Hunderttausende in die Fanzonen und Biergärten dieses Landes trieb, hat sich die Mannschaft verdient – auch wenn sie das Finale verdient verlor. Sie hat bei dieser Europameisterschaft nicht in jeder Spielminute fußballerisch begeistert, auch im Endspiel nicht. Aber sie hat – sportlich gesehen – mehr erreicht als einen dritten Platz in einem Sommermärchen. Das Team hat sich nach der WM 2006 auf einem hohen Niveau weiterentwickelt. Auf dem Platz und außerhalb.

Die EM-Gipfelexpedition, für die das Team so selbstverständlich den Titel als Ziel ausgegeben hatte, war perfekt geplant, fast zu perfekt. 20 Millionen Euro hat sich der Deutsche Fußball-Bund die sportliche Vollendung der WM kosten lassen, inklusive des abgeschiedenen Luxusquartiers in Ascona. Bundestrainer Joachim Löw hatte alle taktischen Eventualitäten durchgespielt. Doch das Personal, das er lange zuvor ausgesucht hatte, spielte nicht immer so mit wie vorgesehen. Den Mut, den man bei einem großen Turnier braucht, den Wagemut, auch vom eigenen Plan abzuweichen, wenn es um alles geht, den hat sich Joachim Löw erst erarbeiten müssen. Dass er das zumindest bis zum Finale geschafft hat – gemeinsam mit dem angeschlagenen, entschlossenen und wieder einmal tragischen Kapitän Michael Ballack –, macht ihn zu einem der großen deutschen Fußballtrainer. Löw hat trotz nervöser Zigarette hinter Plexiglas die Ruhe nicht verloren und auch mal Courage gezeigt.

Der deutsche Fußball ist auf einem vielversprechenden Weg – jedenfalls die Nationalmannschaft. Schon bei der WM 2006 hat sie das Land mit spielerischer Leichtigkeit verändert. Die Fahne ein Schmuck, die Hymne ein Fanlied, und in Ostdeutschland wurden die schwarz- rot-goldenen Flaggen mit dem zu Wendezeiten ausgeschnittenen DDR-Emblem aus den Kellern geholt. Ein Neuanfang.

Diesen Neuanfang fortgesetzt und erweitert zu haben, ist der Gewinn dieser EM. Natürlich wirken die flatternden Autofähnchen und das kollektive Hurra auf der Fanmeile etwas eventig. Und wie gewichtig ist eigentlich ein Patriotismus, der alle zwei Jahre auf Abruf liegt? Dennoch: Die Bilder von Autos, aus denen türkische Rhythmen klingen und auf deren Dächern junge Mädchen mit verhüllten Haaren die Deutschlandfahne schwenken, sie werden bleiben.

Natürlich ist Fußball keine Gutmenschenveranstaltung zur Rettung der Welt, sondern ein Milliardengeschäft – ein durchkommerzialisierter Sport, der in der globalisierten Moderne angekommen ist und den Fans trotzdem Halt zu geben versteht. Der DFB hat unter Führung von Theo Zwanziger erkannt, dass Sport in die Gesellschaft hineinwirkt und sich deshalb auch mit Themen wie Migration, Bildung, Gesundheit und Toleranz zu beschäftigen hat. Frauenfußball wird nicht mehr gering geschätzt, sondern kräftig gefördert – inzwischen spielen eine Million Frauen und Mädchen in den Vereinen. Im Verband sind gescheite Fußball-Köpfe wie Matthias Sammer für die Zukunftsplanung verantwortlich. Und die Bundesliga zieht immer mehr Zuschauer und inzwischen sogar manch internationalen Spitzenspieler an.

Eines sollten die Vereine, die sich ab jetzt auf die neue Saison vorbereiten, aus dieser EM lernen: Die Nationalmannschaft vereint alle Fans, ihre Entwicklung liegt auch im Interesse der Klubs und sollte nicht durch kleinliche Streitigkeiten gebremst werden. Vielleicht hilft es ja, dass mit Jürgen Klinsmann einer der Reformer der Nationalelf ab heute den FC Bayern trainiert.

Die Nationalmannschaft ist das Herz des deutschen Fußballs, sie hat sich nach einer desaströsen EM 2004 saniert. Fleißige, bescheidene und selbstkritische Spieler sind herangereift, die sich auch ohne Titel die Sympathien von Millionen Menschen erspielen. Auch mit ihrem Auftreten. Dafür werden sie heute gefeiert.

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