Nach der EM : Kommt das "Huh!" jetzt auch in der Bundesliga?

Nach der EM ist vor der Bundesliga. Und es bleibt die Frage, was von diesem Turnier in den Ligaalltag einkehren wird: "Huh!"-Rufe, Defensivfußball und ein Ende der Bayern-Dominanz?

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Der Isländer Aron Gunnarsson mit seinen Mannschaftskollegen beim kollektiven "Huh!".
Der Isländer Aron Gunnarsson mit seinen Mannschaftskollegen beim kollektiven "Huh!".Foto: dpa

Die Bundesliga, da gibt es keine Zweifel, ist ein florierendes Unternehmen mit exponentiell ansteigenden Zahlen. Mehr Zuschauer, mehr Umsatz, mehr Gewinn und – wie der Ligaverband DFL auf seiner Webseite deutlich macht – mehr Nationalspielern. So waren bei der Europameisterschaft in Frankreich knapp über 60 Spieler aus der Bundesliga im Einsatz. Am Ende der EM lautet das Fazit aber: Es war nicht unbedingt das Turnier der Bundesliga-Spieler, eher das Gegenteil war der Fall. Nicht nur Thomas Müller war vom EM-Fluch befallen, ein bisschen galt das auch für den Rest der Fußballer aus Deutschlands höchster Liga. Insofern wird die EM für viele Bundesligaspieler nicht in guter Erinnerung bleiben. Doch welche Folgen ergeben sich sonst noch aus der EM für die Bundesliga?

Wird der EM-Fußball auf den Bundesligafußball abfärben?

Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Voraussetzung für den florierenden Bundesligabetrieb ist die Eventisierung, deren tragendes Element wiederum attraktiver, offensiver Fußball ist. Der Fußball, der bei der EM in Frankreich gespielt wurde, war oft hässlich und defensiv. Das hing wesentlich mit dem Modus zusammen. Bei dem genügte es mitunter, nicht zu verlieren, um in die K.-o.-Runde einzuziehen (siehe Portugal). Der Nachahmungsfaktor für die Bundesligamannschaften ist gleich null, auch weil der Wettbewerb nicht dafür konzipiert ist. Wer seine Spiele in der Bundesliga nicht gewinnt, der wird nicht mit dem Weiterkommen, sondern immer noch nur mit einem mickrigen Punkt belohnt.

Was bedeutet die EM für die Bundesliga-Zuschauer?

In erster Linie natürlich, dass sie in der kommenden Spielzeit in immer kürzer werdenden Abständen in die Hände klatschen und dazu „Huh!“ schreien werden. Dabei haben die Isländer darauf das Patent angemeldet, die Bundesliga hat mit dem Inselstaat so viel gemein wie die Wildecker Herzbuben mit Björk. Doch Patente auf Fangesänge gibt es nun mal nicht im Fußball. Wobei man das nicht zu laut sagen sollte, sonst kommen Fifa oder Uefa noch auf falsche Gedanken.

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Wird die EM die Bayern-Dominanz beeinflussen?

Vielleicht ein wenig in der Hinsicht, dass Thomas Müller, Robert Lewandowski und David Alaba diese Europameisterschaft eher traumatisiert denn euphorisiert beendet haben dürften. Ähnliches gilt für Jérôme Boateng. Der spielte zwar überragend, doch er schied nun einmal im Halbfinale aus und zog sich auch noch einen Muskelbündelriss zu. Lichtblick aus Bayern-Sicht war neben dem durchaus überzeugenden Innenverteidiger Mats Hummels der auftrumpfende Neuzugang Renato Sanches aus Portugal. Dieser führt gleich zur nächsten Frage.

Rätselt nun die Bundesliga, wie alt Renato Sanches WIRKLICH ist?

Natürlich. Der Portugiese spielte schließlich so gut, dass er keinesfalls 18 Jahre alt sein kann. Eine These, die jüngst auch die französische Trainerlegende Guy Roux äußerte. Sanches spielte sogar besser als Lukas Podolski oder Bastian Schweinsteiger, weshalb er in jedem Fall über 30 sein muss. Dumm nur, dass nun nach und nach Videos aus dem Jahr 2010 auftauchen, die einen kleinen Jungen zeigen, der schüchtern aus Kinderaugen in die Kamera blickt. Es soll sich dabei um Renato Sanches handeln. Kann aber nicht sein.

Falsch am Mann. Jérôme Boateng spielte bis auf eine Ausnahme geradezu vorbildlich.
Falsch am Mann. Jérôme Boateng spielte bis auf eine Ausnahme geradezu vorbildlich.Foto: dpa

Hat Mario Götze bei der EM eigentlich gezeigt, dass er besser als Messi ist?

Nein, nicht für einen winzigen Augenblick. Der FC Bayern München ist nach dem Turnier endgültig von dem Vorwurf befreit, er behandele das Wunderkind des deutschen Fußballs stiefmütterlich. Doch dafür können sich die Münchner nichts kaufen. Genau genommen ist das Gegenteil der Fall. Nach dem Turnier wird es für die Bayern schwieriger als zuvor, Götze für sehr viel Geld an einen neuen Verein abzugeben.

Bleibt der BVB nach der EM Bayern-„Verfolger“ Nummer eins?

Es spricht nichts dagegen. Marco Reus konnte sich nicht verletzen, sondern seine Verletzung auskurieren. Der umworbene André Schürrle hat sich bei der Europameisterschaft nicht für höhere Aufgaben beworben und könnte gerade deswegen kostengünstiger verpflichtet werden. Und bei all der Euphorie um Renato Sanches geriet in Vergessenheit, dass auch Borussia Dortmund einen Spieler aus der portugiesischen Nationalmannschaft verpflichtet hat: Raphael Guerreiro. Der spielte auf der Linskverteidigerposition sehr gut, aber wiederum auch nicht so gut, dass man ihm sein Alter von 22 Jahren nicht abnehmen würde.

Und welche Lehren ziehen die Bundesligaklubs aus der EM?

Aus oben genannten Gründen: kaum welche. Wenn überhaupt, dann: Vorsicht vor twitternden Politikern und Populisten sowie Experten mit Gehirn-Schluckauf. Und natürlich: Hände bei hohen Bällen immer schön unten behalten.

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