Nach der IOC-Wahl : Viele heiße Eisen für Thomas Bach

Auf Thomas Bach kommt als IOC-Präsident eine Menge Arbeit zu. Welche Probleme und Aufgaben hat Bach zu lösen? Ein Überblick:

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Er läuft voran. Thomas Bach ist als Diplomat genauso gefragt wie als Anti-Doping-Kämpfer und Erneuerer der olympischen Bewegung.
Er läuft voran. Thomas Bach ist als Diplomat genauso gefragt wie als Anti-Doping-Kämpfer und Erneuerer der olympischen Bewegung.Foto: dpa

Nun hat Thomas Bach also das höchste Amt im Weltsport inne, es soll auch das mächtigste sein. Wie viel Macht Bach wirklich besitzt und wie viel Wille, diese Macht auch zu nutzen, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen. Für acht Jahre haben die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees Bach zu ihrem Präsidenten gewählt. Und zwar mit einer so großen Mehrheit, dass Bach sich der Unterstützung der meisten Mitglieder sicher sein kann. Von seinem Vorgänger Jacques Rogge übernimmt er eine wohlhabende Organisation, aber auch viele Probleme und Aufgaben, die Haltung und Handeln verlangen. So sieht die Agenda des Weltsports derzeit aus:

VERHÄLTNIS ZUR POLITIK

Schon vor seinen ersten Olympischen Spielen wird Thomas Bach mit einer politischen Debatte konfrontiert. Es geht um das Gesetz gegen „Homosexuellen-Propaganda“ in Russland, dem Austragungsland der nächsten Winterspiele im Februar in Sotschi. Erst kündigte Russland an, das Gesetz werde während der Spiele nicht zur Anwendung kommen, dann kassierte der russische Sportminister diese Aussage wieder ein. Gesetz sei Gesetz. Das könnte jedoch Auswirkungen auf Athleten und Zuschauer bei den Spielen haben. Die Erwartungen an das IOC sind hoch, weil der Schluss nahe liegt, eine internationale Organisation wie das IOC könne auch internationale Politik machen. Das Mindeste wird daher sein, Beschränkungen der Persönlichkeitsrechte bei den Spielen selbst zu verhindern. Das muss Bach in Verhandlungen mit der russischen Staatsführung sicherstellen. Wie groß der Einfluss des IOC wirklich ist, darüber wird heftig diskutiert. Bach sah schon die Auseinandersetzung um die Spiele in Peking als Anlass, „verstärkt die politische und soziale Rolle des Sports klarzustellen und kommunizieren zu müssen. Wir müssen zeigen, was diesbezüglich unsere Möglichkeiten sind und wo unsere Grenzen liegen.“ Obwohl der internationale Sport schon oft Brückenbauer war, sei es bei der Ping-Pong-Diplomatie oder der zwischenzeitlichen Zusammenführung von Nord- und Südkorea zu einer Mannschaft, dämpft Bach regelmäßig die Erwartungen: „Wenn die olympische Bewegung die politische Neutralität nicht wahrt, wird sie von politischen Krisen zerrissen – so wie es im Kalten Krieg fast der Fall war.“ Der Sport sei nicht unpolitisch, sondern apolitisch, lautet sein Credo. Als IOC-Präsident wird er besser zeigen können, was genau er damit meint.

DOPING

Ein IOC-Präsident kann sich noch so sehr bemühen, das Dopingproblem wird er nicht lösen können. Wie groß es ist, hat eine erst kürzlich veröffentlichte Umfrage unter den Teilnehmern der Leichtathletik-WM 2011 ergeben, also im olympischen Kernsport. 29 Prozent von ihnen gaben zu, vor der WM gedopt zu haben. Der Anteil der tatsächlich Erwischten ist jedoch verschwindend gering. Bach wird nun versuchen müssen, dieses Missverhältnis zu korrigieren. Das wird vor allem durch intensivere und kostenaufwendige Dopingforschung möglich sein. Auch das System der Kontrollen ist weiter ausbaufähig. Es gibt noch viele blinde Flecken, gerade für Blutkontrollen. Ein weltweiter Teststandard muss das Ziel sein. Etwas Ähnliches hat sich Bach auch vorgenommen: Er spricht von „mehr und intelligenteren Kontrollen vor allem außerhalb der Wettkämpfe, mehr Forschung, besserer Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden und härteren Strafen“.

INTEGRITÄT DES IOC

Am IOC klebt noch immer das Etikett, eine undurchsichtige, bisweilen schmierige Organisation zu sein. Auch wenn Bachs Vorgänger Rogge in seinen zwölf Jahren als Präsident einiges dagegen getan und das IOC aus der Krise nach dem Korruptionsskandal von Salt Lake City herausgeholt hat. Vor allem die Vergabe der Olympischen Spiele – die wichtigste Entscheidung des IOC – wird regelmäßig von Argwohn begleitet. Bei der Aufklärung der Salt-Lake-City-Affäre war ans Licht gekommen, dass es Agenturen gibt, die das Organisieren von Stimmen zu einem Geschäft gemacht haben. Bach hat nun erst einmal mehr Mitsprache und mehr Transparenz angekündigt. Um wirkliche Transparenz herzustellen, müsste er Verantwortlichkeiten schaffen und eigentlich sogar die geheime Wahl bei der Vergabe der Spiele abschaffen. Das IOC reproduziert sich bisher selbst, anstatt demokratisch von Vertretern der einzelnen Nationen gewählt zu werden. Wenn es sich tatsächlich um eine so ehrenwerte Gesellschaft handelt, dann kann doch niemand etwas gegen mehr Offenheit haben.

WERBUNG FÜR DEN SPORT

Die olympische Bewegung muss sich immer wieder erneuern. Ihre Sportarten sprechen Jugendliche oft gar nicht mehr an, manche sind nur noch Folklore. Dass nun ein Vorstandsmitglied eines Videospielunternehmens als Mitglied im IOC aufgenommen wurde, macht die Sache auch nicht besser. Für die Olympischen Jugendspiele sind erstmals Fernsehrechte verkauft worden. Ob sie weltweit Jugendliche begeistern können, wird sich herausstellen. Gefordert ist auf jeden Fall ein attraktiver, glaubwürdiger Gesamtauftritt vom IOC. Bach strebt einen olympischen Fernsehkanal an, um die Disziplinen auch zwischen den Olympischen Spielen präsent zu halten, er möchte mehr Vielfalt im Programm haben, die Zahl der einzelnen Disziplinen solle nicht starr festgelegt werden. Neue Disziplinen, die nicht nur einen Sommer lang zur Jugendkultur gehören, könnten Olympia gut tun.

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