Nach der Klatsche in München : So schlägt man Hertha

Die Schaltzentrale lahmlegen, die Innenverteidigung überlaufen, den Torwart überraschen: Bayern München zeigte mit schnellem Spiel, welche Schwachstellen Berlins Bundesligist beheben muss.

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Schon bevor es richtig losging, offenbarte Thomas Kraft eine kleine Schwäche im Stellungsspiel. Der Torwart von Hertha BSC stand im falschen Tor – in dem des FC Bayern München. Krafts Orientierungslosigkeit war damit entschuldbar, dass er ja noch vergangene Saison sein Geld beim Fußball-Rekordmeister verdient hat. Sein Fehler war auch schnell korrigiert, auf dem langen Weg in die Berliner Hälfte klatsche er sogar noch kurz seinen Münchner Nachfolger Manuel Neuer ab. Danach aber verlor Hertha völlig die Orientierung und war mit einer 0:4-Niederlage noch gut bedient. Schließlich legten die Bayern am Sonnabend die Schwachstellen der Berliner schmerzlichst offen.

Die Münchner Demonstration war so etwas wie eine Betriebsanleitung dafür, wie Hertha zu schlagen ist. Die Berliner hatten Probleme auf allen Positionen. Das ging ganz hinten los. Thomas Kraft ist kein schlechter Torhüter, aber er ist auch keiner, der Sicherheit zum richtigen Zeitpunkt ausstrahlt. In der zweiten Halbzeit zeigte er in München tolle Paraden – doch da lag Hertha schon hoffnungslos 0:3 zurück. Kraft ist im Stellungsspiel nicht der Stärkste in der Liga, sein unglücklicher Auftritt vor Spielbeginn in München entbehrte in dieser Hinsicht nicht unfreiwilliger Komik.

Das eigentliche Problem offenbarte die Abteilung vor Kraft. Herthas Verteidigung verdiente diesen Namen nicht. Der Münchner Trainer Jupp Heynckes hatte beim Studium des Gegners festgestellt, dass die Berliner Innenverteidigung langsam ist. Roman Hubnik, vor allem aber Andre Mijatovic, hatten erhebliche Tempo-Defizite gegenüber Mario Gomez, der sie mehrmals überlief. Auch die Außenverteidiger Lewan Kobiaschwili und Christian Lell hechelten immer wieder Thomas Müller und Franck Ribéry hinterher. Zudem standen die Berliner auch meist „viel zu weit vom Gegner weg“, wie ihr Trainer Markus Babbel sagte. Sie zeigten sich auch viel zu schwach in den Zweikämpfen; interessant war, dass der eingewechselte Fabian Lustenberger noch die besten Werte hatte.

Im Mittelfeld legten die Münchner geschickt die Berliner Schaltzentrale lahm, so wie Heynckes das von seinen Spielern gefordert hatte. Das defensive Sechser-Paar Peter Niemeyer und Andreas Ottl waren darin überfordert, dem eigenen Spiel Struktur und Ordnung zu verleihen. Und der eigentlich gestaltene Raffael fand so gut wie gar nicht statt.

Es war natürlich kaum erstaunlich, dass Hertha mit dem prominent besetzen Gegner spielerisch nicht mithalten konnten. Trotzdem stimmte es bedenklich, dass die Berliner nicht emotional dagegen hielten – so, wie sie das bislang in der Saison schon oft getan haben. Im Normalfall betreibt Hertha einen enormen emotionalen Aufwand, feuern sich die Spieler gegenseitig an, diskutieren mit dem Schiedsrichter und riskieren auch mal eine Gelbe Karte. Von all dem war in München nichts zu sehen – wohl auch, weil die Bayern dem Gegner mit ihren drei Toren in den ersten 13 Minuten die Zuversicht nahmen.

Was zu tun ist, um Hertha zu schlagen, weiß die Konkurrenz nun. Das Problem für sie dürfte nur sein, dass sie kaum fähig ist, die Schwachstellen im Berliner Spiel so auszunutzen, wie die Bayern es taten. „Wir zeigen eben einen etwas anderen Fußball als die anderen“, sagte Bayerntrainer Heynckes. „Wir haben eine unglaubliche Qualität in unserer Mannschaft.“ Der FSV Mainz, am Sonnabend kommender Berliner Gegner, wird allein schon nicht so schnell spielen können wie die Bayern-Stars.

Die Fußballwelt bei den Berlinern kann schon beim nächsten Heimspiel in Ordnung kommen, wenn Hertha wieder mit mehr Leidenschaft agiert und weniger ängstlich auftritt als in München. „Genauso wie man unseren Sieg in Dortmund nicht zu hoch hängen sollte, sollte man auch die Niederlage in München nicht überbewerten“, sagt Herthas Mannschaftskapitän Mijatovic. Ziel der Berliner sei nicht die Meisterschaft, sondern der Klassenerhalt. Für einen Aufsteiger steht Hertha BSC mit zwölf Punkten aus neun Spielen immer noch gut da – daran hat die kollektive Berliner Orientierungslosigkeit von München nichts geändert.

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