Nach der Niederlage in München : Hertha pendelt zwischen Stolz und Trauer

Der Ertrag von Herthas beherztem Auftritt in München liegt nicht im Ergebnis, sondern im Übersinnlichen.

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In Bedrängnis gebracht. Herthas Mittelfeldspieler Nico Schulz verhindert, dass Bayern-Stürmer Mario Mandzukic den Ball in Ruhe annehmen kann. Am Tag nach dem 2:3 pendelten die Gefühle der Hertha-Spieler zwischen Stolz und Trauer. Foto: AFP
In Bedrängnis gebracht. Herthas Mittelfeldspieler Nico Schulz verhindert, dass Bayern-Stürmer Mario Mandzukic den Ball in Ruhe...Foto: AFP

Änis Ben-Hatira blinzelte der tiefstehenden Herbstsonne entgegen, als justament eine massive Gruppe von 80 oder 100 Personen um die Ecke bog und unzweifelhaft Kurs auf ihn nahm, wie er da so vor dem Kabineneingang auf dem Hertha-Gelände stand. Für einen Moment traute der Fußballprofis seinen Augen nicht. Als die Gruppe vorwiegend schwarz gekleideter junger Männer strammen Schrittes ihn erkannten, rührten sich ihre Hände zum Applaus. Erst jetzt lächelte Ben-Hatira ihnen entgegen.

Es kommt nicht allzu oft vor, dass die Hertha-Fans aus der Ostkurve eine kleine Delegation zusammentrommeln, um ihrer Mannschaft auf dem Übungsplatz einen Besuch abzustatten. Zuletzt kam eine solche Abordnung vor einer halben Ewigkeit, weil man nun überhaupt nicht einverstanden war mit den Leistungen der Mannschaft. Was sie den Herren Fußballprofis auch mal deutlich ins Gesicht sagen wollte. Gestern aber trieb die Delegation anderes. Die Hertha-Fans wollten ihrer Mannschaft zu verstehen geben, wie stolz sie sei über die Leistungen der vergangenen Wochen, insbesondere der von München. Obgleich Hertha beim 2:3 keinen Punkt aus München entführte, spielten die Berliner mutig und taktisch beeindruckend auf, so dass der Champions-League-Sieger nur mit größter Mühe den aufstrebenden Aufsteiger gerade noch einmal hatte niederringen können.

„Ich weiß gar nicht, wann die Bayern das letzte Mal auf Zeit gespielt haben, um ein Ergebnis über die Zeit zu retten“, sagte Ben-Hatira. Der offensive Mittelfeldspieler hätte nach der frühen Führung von Adrian Ramos sogar beinahe das 2:0 erzielt, sein Lupfer klatschte aber gegen die Latte des Münchner Tores. Auch sonst hatten die Berliner noch einige Tormöglichkeiten, was „gegen die Bayern nicht so selbstverständlich“ sei. Auch wenn es am Ende dann doch nicht reichte zum erhofften Punktgewinn, so habe es doch „einen Riesenspaß gemacht“.

Am Tag danach pendelte bei den Herthanern die Gefühlslage zwischen Stolz und Trauer. Stolz über die famose Leistung, die den Münchner Trainer Pep Guardiola zum Resümee hatte hinreißen lassen, wonach Hertha der bislang stärkste Gegner gewesen sei. Von daher sei es „sehr schade, dass wir uns nicht mit einem Punktgewinn belohnt haben“, sagte Ben-Hatira.

Der eigentliche Gewinn des Auftritts in München ist für die Berliner vor allem im Übersinnlichen zu finden. Er stärkt das Vertrauen in und den Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit. Rückmeldungen dieser Art sind wertvoll, auch wenn sie ihren Wert etwas später entfalten. „Es war extrem, was wir für einen Aufwand betrieben haben“, sagte Jos Luhukay. Die Gesamtlaufleistung seiner Mannschaft summierte sich auf 122 Kilometer, fünf mehr als die der Münchner. Für Herthas Trainer habe seine Mannschaft aber nicht nur läuferisch und kämpferisch, sondern auch fußballerisch überzeugt. Zwei Tore würden nicht viele Teams in München erzielen, und schließlich seien berechtigte Chancen auf ein drittes und gar viertes Tor vorhanden gewesen. Die Münchner hätten aus dem Spiel heraus nicht mehr Chancen gehabt, bei denen Spieler wie Franck Ribéry und Thomas Müller fast gar nicht in Erscheinung getreten seien. „Vor allem aber hat mir imponiert, dass wir nach dem zwischenzeitlichen 1:3-Rückstand nicht eingeknickt sind, sondern das 2:3 erzielt haben und weiter auf ein 3:3 gegangen sind“, sagte Herthas Trainer.

Das Einzige, was Luhukay ärgerte, war das Zustandekommen der Gegentore, allesamt per Kopf. Insbesondere das dritte durch Mario Götze, der alles andere als ein Kopfballungeheuer ist, sei vermeidbar gewesen. „Das hätte es mehr Gegenwehr von Peter Pekarik geben können“, sagte Luhukay. Doch insgesamt bleibt ein positiver Befund. So, wie seine Mannschaft in München aufgetreten sei, verstärke das Zutrauen auf ein gutes Ergebnis in einer Woche gegen Schalke 04. In dieses Heimspiel gehe Hertha nun „mit viel Positivismus“, wie es der Niederländer ausdrückte.

Das sieht Herthas abkommandierter Anhang ganz ähnlich. Luhukay vernahm die applaudierte Anerkennung. Denn die müsse man sich erst einmal verdienen.

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