Nach der Pleite in Bochum : Hertha versteckt sich

Die Berliner sind sportlich ins Trudeln geraten. Die Gründe für die missliche Lage liegen auf der Hand. Der Kader hat an Qualität verloren. Hertha-Trainer Lucien Favre verweist auf die wirtschaftlichen Zwänge des Klubs.

Michael Rosentritt
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Lucien Favre.Foto: dpa

Berlin - Die Sonne stand Lucien Favre tief ins Gesicht gestern Mittag auf dem Trainingsgelände. Der Trainer von Hertha BSC konnte nicht richtig gucken. Und sprechen wohl auch nicht. Was nicht an der Sonne lag, sondern vielmehr an dem, was der Schweizer Berliner von den ihn umringenden Journalisten erfuhr. Diese hatten Favre gerade mit den frischesten Nachrichten versorgt. Demnach ist die Verletzung, die Raffael beim Auswärtsspiel in Bochum davontrug, doch schwerwiegender. Herthas heimlicher Spielmacher wird nach einem Bruch des Speichenköpfchens im Ellenbogen des rechten Armes mindestens drei Wochen ausfallen. Als er das vernahm, stieß Monsieur Favre ein paar Mal ein uncharmantes Wort den Sonnenstrahlen entgegen. An dieser Stelle, sei das Wort mal mit „Mist, das hat uns gerade noch gefehlt“ umschrieben.

Ohnehin drängte sich zuletzt der Eindruck auf, als operiere Favre derzeit mit wenig Fortune. Dass er gestern die Diagnose des für ihn wohl wichtigsten Spielers nicht direkt vom Arzt oder Patienten, sondern über Dritte erfuhr, war allerdings einem anderen Umstand geschuldet, für den Favre nur mittelbar etwas konnte. Nach dem tristen 0:1 in Bochum am Sonntag, der dritten Auswärtsniederlage innerhalb von acht Tagen, hielt es Favre für angemessen, sein kickendes Personal im Anschluss an einen kleinen Waldlauf um den Teufelsberg herum ins Gewissen zu reden. Eine halbe Stunde dauerte dieser spontane Programmpunkt. In dieser Zeit war er für alle außerhalb der Trainingskabine unerreichbar.

Wer anschließend den ungefähren Ausführungen Favres lauschte, der hörte den Lucien Favre von vor zwei Jahren heraus. Geradezu so, als hätte es die Zeit dazwischen, insbesondere die erfolgreiche Vorsaison, gar nicht gegeben. „Wir haben zu viele Ballverluste für nichts. Wir haben falsche Anspiele gewählt. Ich habe gesagt, es kann am Anfang schwer werden. Wir müssen hart arbeiten. Arbeit gibt Vertrauen.“ Und tatsächlich sieht nach drei Spieltagen der neuen Saison das Tun seiner Mannschaft so aus wie zu Beginn seines Wirkens in Berlin. Dazwischen aber liegt ein zehnter Tabellenplatz nach dem ersten Jahr und ein Rang vier samt einer neuentflammten Hinwendung der Berliner zu Hertha, die ihnen jahrelang gleichgültig war. Der vierte Platz hat Interesse und vorsichtige Sympathie geweckt. Ansteigende Zuschauerzahlen im Frühjahr und ein guter Dauerkartenverkauf in der Sommerpause für die neue Saison beweisen dies. Jetzt aber spielt die Mannschaft ohne Vertrauen. Sie wirkt fahrig, leidenschafts- und konzeptlos. Der Absturz aus dem zwischenzeitlichen Gefühl der Zufriedenheit und des Stolzes in die Jetztzeit hätte schlimmer kaum ausfallen können. Hertha fehlen spielerische Dominanz und – anders als in der Vorsaison – die Ergebnisse. Vor dem Rückspiel am Donnerstag gegen Kopenhagen um den Einzug in die Europa League und dem sonntäglichen Heimspiel gegen das erstarkte Bremen droht Hertha alles, was der Klub sich im vergangenen Jahr erspielt hat, zu verlieren.

Die Gründe für die derzeit missliche Lage liegen auf der Hand. Wie sagte der ansonsten besonnene Mannschaftskapitän Arne Friedrich nach dem Bochum-Spiel: „Man muss ganz klar sagen, dass uns einfach Qualität fehlt.“

Lucien Favre sagt dazu nicht viel: „Wir müssen realistisch bleiben“, sagte er und verwies auf die wirtschaftlichen Zwänge des Klubs. Den Einwurf des früheren Managers Dieter Hoeneß, der der neuen Hertha-Führung eine ideenlose Transferpolitik vorwirft, mochte der 51 Jahre alte Favre nicht kommentieren: „Hören Sie, die letzte Saison ist vorbei. Wir müssen das langsam verstehen.“

Vielleicht ist es ja auch so, dass der vierte Platz ein wenig des Guten zu viel war, zumindest aber zu früh, wie einst das Erreichen der Champions League im Jahr zwei nach dem Aufstieg. Damals wurde das Geld verschleudert, welches Hertha damals gar nicht hatte und bis heute fehlt. Der vierte Platz der Vorsaison hat einigen den Blick verstellt. Vielleicht waren Mannschaft und Trainer nicht so gut, wie es die Tabelle ausdrückte. Das ist ein bisschen wie bei der Abwrackprämie, die vordergründig als ein hübscher Erfolg durchgeht. Die Nebenwirkungen dürften in der neuen Auto-Verkaufssaison dann zu spüren sein.

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